Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. David PhiLipssn: Nie Nrfsrmbrwrgung im Judentum 17 zu machen und ihm Ordnung und Würde zu verleihen, — von der allmählichen Einführung dieser Neuerungen wird im Verlaufe unserer geschichtlichen Darstellung des Oeftern die Rede sein —, müssen wir uns vor allem die Gedanken vergegenwärtigen, welche die Reformbewegung auszeichnen. Zunächst ist nach Ansicht des rabbinischen Judentums jedes Gebot der schriftlichen Lehre im Pentateuch (Thorah sch’ biktbab) und der im Schulchan Aruch ausgezeichneten nründlichen Lehre (Thorah scheb* al peh) in gleichem Maße bindend. Das Zeremonialgesetz hat die gleiche Kraft, wie die religiösen Sittengebote. Das Reformjudentum stellt seinerseits die Forderung auf, daß eine Unterscheidung getroffen werden müsse zwischen den allgemeinen Vorschriften der Religion oder der Sittlichkeit und denjenigen Verordnungen, die aus den Umständen oder Verhältnissen besonderer Zeiten und Orte hervorgegangen sind. Gebräuche oder Zeremonien müssen mit den jeweiligen Bedürfnissen der verschiedenen Generationen wechseln. Jedes Zeitalter hat seine besonderen Wünsche für die Befriedigung des religiösen Gemütes. Kein Zeremonialgesetz kann ewig bindend sein. Kein Geschlecht kann da für alle künftigen Zeitalter Gesetze geben. Die Menschheit schreitet fort. Treten wir in diesem Geiste an die biblischen Bücher und die talmudischen werke heran, so bieten sie uns bewundernswerte Resultate. Ueberall ist da der Lauf der Veränderung oder der Entwickelung wahrzunehmen. Die allgemeinen Gebote, die in das Herz des Menschen eingepflanzt sind und weder von Zeit noch Grt abhängen, sie machen das unveränderliche Wesen der Religion aus, wie dies Abraham Ibn Esra auseinandersetzt. Die besonderen Gesetze dagegen, die aus zeitlichen und örtlichen Bedingungen hervorgehen, sie sind nicht mit unauslöschlicher Schrift in dem ewigen plane der Dinge verzeichnet. Dies ist der Standpunkt, den das Reformjudentum den Traditionen gegenüber einnimmt, und während seiner ganzen Entwickelung hat es ihn als leitenden Grundsatz aufgestellt. Nicht, als ob das Reformjudentum die Tradition verwürfe oder mit der jüdischen Entwickelung gebrochen hätte, wie man ihm irrtümlicherweise häufig vorgeworfen hat; auf den Grundgedanken der Traditon legt es ebenso großes Gewicht wie das rabbinische Judentum. Aber es macht einen Unterschied zwischen den einzelnen Ueberlieferungen, wie diese in Formen, Zeremonien, Gebräuchen und Glaubenssätzen in die Erscheinung getreten sind. Ls nimmt sie an oder verwirft sie gemäß den modernen religiösen Bedürfnissen und Empfindungen, während das rabbinische Judentum keine solche Unterscheidung trifft. Mit einem Worte: Das Reformjudentum unterscheidet zwischen der Tradition und den Traditionen. Es betrachtet sich auch selbst als ein Glied in der Kette der jüdischen Ueberlieferung, als das Produkt unsres modernen Zeitalters, so wie der Talmudismus das Produkt seines Zeitalters war. Da das rabbinische Judentum die ewige Gültigkeit aller Gesetze und Gebräuche lehrt, ob sie nun im Pentateuch vorgeschrieben sind oder ihren Ursprung der Traditon verdanken, so nimmt es einen eigenartigen Standpunkt solchen Gesetzen gegenüber ein, deren Erfüllung von dem Aufenthalt in Palästina abhängig ist. Diese Gesetze, behauptet es, sind infolge der Zerstreuung eine zeitlang außer Kraft gesetzt; sie sind nicht etwa abgeschafft, sondern nur für eine gewisse Zeit aufgehoben; sobald die Juden wieder in ihr einstiges Land zurückgeführt werden, treten jene Gesetze wieder in Kraft. Dies führt uns zu einem zweiten Gegensatz. Die Denkweise des rabbinischen Judentums ist durchaus national. Zn den überlieferten Gebeten wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß die Juden nach Palästina zurückkehren, daß sie wieder eine Nation werden unter der Herrschaft eines Sprößlings des davidischen Hauses, daß sie unter Leitung der Nachkommen Aarons die Opfer wieder einführen und ihre Andacht in dem Tempel verrichten werden, der auf den Ruinen des alten Tempels erbaut werden wird. Bei ihrer Zerstreuung unter die Völker befanden sich die Juden in einem Zustande der Verbannung; ihre Jahrhunderte lange Leiden sind eine Strafe für die von ihren Vorfahren in Palästina begangenen Sünden; wenn das Maß der Sühne voll ist, wird die Zurückführung vor sich gehen. Gegen diese Lehre legt das Reformjudentum Verwahrung ein. Die nationale Existenz der Juden, behauptet es, hörte auf, als die Römer den Tempel in Flammen setzten und Jerusalem zerstörten. Der Aufenthalt in Palästina war nur eine Vorbereitung für Israels Arbeit in allen Teilen der Welt. Als einstige Heimat des Glaubens, als das Land, in welchem die Propheten ihre weltbezwingenden Gedanken aussprachen und die psalmdichter ihre weltentzückenden Hymnen sangen, ist Palästina eine wertvolle Erinnerung an die Vergangenheit, aber es ist kein Gegenstand der Hoffnung ftir die Zukunft. Mit der Zerstreuung der Juden über die ganze Welt begann die allgemeine Sendung des Judentums. Die Juden sind Bürger und treue Söhne ihrer Geburtsländer. Sie sind eine religiöse Gemeinschaft, keine Nation. Mit dieser unterschiedlichen Auffassung des Judentums als eines nationalen, bezw. allgenreinen Glaubens hängt die gegensätzliche Stellung-