Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Ar. Aamd Philipson: Air Reformbervegimg im Judentum Juden der beiden letzten vorchristlichen Jahrhunderte ist ein hinreichendes Kennzeichen für die Gastfreundschaft, die man griechischem Denken gewährte. 7) Die Schriften Philos zeugen von der freundlichen Aufnahme, welche der in Alexandria blühenden neuplatonischen Philosophie bereitet wurde. Im Talmud finden sich Anzeichen dafür, daß die Juden von den unter ihren Nachbarn herrschenden Gewohnheiten und Gedanken beeinflußt wurden.8) So zeigen sich deutliche Spuren vom Einfluß des Neupersismus.s) Die arabische Philosophie spiegelt sich in Saadias: „Glauben und wissen" wieder, und die in Europa durch die christlichen Scholastiker zu neuem Leben erweckte Philosophie des Aristoteles findet ihr Gegenstück bei den jüdisch-spanischen Philosophen des Mittelalters. Tatsächlich spiegelte sich in der Iudenheit das Leben und Denken der sie umgebenden christlichen Welt so wahrnehmbar wieder, daß daraus das Sprichwort entstand: „wie es sich christelt, so jüdelt es sich." Die gegenseitige Beeinflussung christlichen und jüdischen Lebens war so ausgesprochen, daß mehr als ein Kirchenkonzil Edikte erlaffen hat, um solche zu verhindern. 10) Das Alles hörte nun naturgemäß auf, als in ganz Europa das Ghetto zu einer offiziellen Einrichtung wurde.u) Von den Ghettomauern umgeben und an jeglicher Berührung mit der Außenwelt durch die Ghettotore gehindert, wurde der Jude allmählich auch in geistiger Beziehung verbannt und von der Teilnahme an den Zeitideen, die die Welt bewegten, ausgeschlossen. Das sichtbare räumliche Ghetto hatte das unsichtbare geistige Ghetto zu seinem Begleiter. Die Zeit vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. die Aera des offiziellen Ghettolebens, fällt zusammen mit dem Ausschluß des Juden von jedweder Teilnahme an der allgemeinen Kultur. Sein geistiger Blick war durch den Talmud und 7) M. Friedländer: „Das Judentum in der vorchristlichen griechischen Welt"', Wien 1897. S. a. .1. Q. R., 14. Jahrg, S. 268, u. Bouffet a. a. £)., S. 450. 8) Talm. Babl. Sotah 49 b; Ab. Zarah 44 b; Meg, 9 a. 18a. Baba Kamma 83 a; Talm. Jer. Sotah VII, 1; Meg. I, 11. s) I. M. Jost: „Geschichte des Judentums und seiner Sekten", II, 143. A. Kohut: „Was hat die talmudische Eschatologie aus dem Parsismus ausgenommen?" Z. D. M. G. XXI, 552—591. M. ©übemann: „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden in Deutschland während des 14. und 15. Jahrhunderts". 158 ff., Wien 1882. A. Berliner: „Persönliche Beziehungen zwischen Christen und Juden im Mittelalter", Halberstadt 1882. 11) Philipson: Old European Jewries. 20 ff. Philadelphia 1894. die von demselben abhängigen Disziplinen begrenzt. Seine Weltauffassung war durch den einengenden Einfluß des Schulchan Aruchi?) und alles dessen, was dieser enthält, beschränkt. Die andauernde Beschränkung des jüdischen Geistes auf das Studium des Talmuds und der Kasuisten hatten die scharfsinnigen Phantastereien des Populismus im Gefolge, und die peinliche Beobachtung der im Schulchan Aruch niedergelegten Verordnungen machten aus der Religion ein System äußerer Gesetzlichkeit. Populismus und „Schulchan Aruch- Iudentum"warendielogischenBegleiterscheinungen des Ghettolebens. Die Iargonsprache ging mit diesen Erscheinungen Hand in Hand. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war die Erniedrigung der jüdischen Gemeinde in Europa eine fast vollkommene: Die Juden waren geistig eingeschrumpft, sie waren gesellschaftliche Parias, politisch waren sie nicht vorhanden; die Sprache, die sie redeten, war ein seltsames Gemenge von Hebräisch und Deutsch, mit einer kleinen Beimischung von Ausdrücken und Redewendungen aus den anderen europäischen Sprachen. Die Jahrhunderte lange systematische Ausschließung hatte ihr Werk vollbracht. Dieser unnatürliche Zustand konnte indessen nicht für immer so bleiben. Der Jude mußte einmal wieder mit der großen Welt in Berührung kommen, und wenn dies eintreten würde, dann mußte er dem Beispiel früherer Geschlechter, von denen oben erzählt wurde, folgen, dann mußte er aus dem geistigen Gefängnis, in das er während der Ghettojahrhunderte eingesperrt worden war, hervorkommen und an den höchsten Kulturbestrebungen seiner Zeit teilnehmen. Die Form, die während jener dunklen Zeiten der öffentliche Ausdruck seiner Religion angenommen, und die Deutung, die die Religion empfangen, mußten einer eingehenden Untersuchung im Lichte der höheren Kultur unterworfen werden. Geistige und religiöse Emanzipation pflegen in gleichem Schritte vorzudringen. Aufgabe dieses Buches ist es, die Geschichte der religiösen Reform unter den Juden darzustellen, wie sie aus der Errungenschaft weltlicher Erziehung und bürgerlichst Emanzipation hervorgegangen ist. Gleich von Anfang an wird es gut sein, in Kürze einige charakteristische Merkmale dieser Bewegung anzugeben, die eine so radikale Abwendung von den rabbinischen Ueberlieferungen bedeutet. Abgesehen von den rein äußeren Reformen, die darauf abzielten, den öffentlichen Gottesdienst schöner zu gestalten, ihn verständlicher 12) Das von Joseph Karo im 16. Jahrhundert verfaßte vierbändige Gesetzbuch. Dieses Gesetzbuch, welches die Entscheidungen der talmudischen und rabbinischen Autoritäten enthält, war das vade mecum der das Gesetz beobachtenden Juden.