Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Prof. Ar. Kuttner: Szenische Sildrr aus der jüdischen Geschichte 3od)anan. <D Herr, vernimm denn diesen Wunsch für mich! Du kennst das weizenreiche Iamnia, Die Stadt, in der so manch Gelehrter lebt — Verschone diese Stadt, daß ich in ihr Die kurze Lebenszeit, die mir vergönnt, Beschließe und, wie ich's bisher gewöhnt, . Die Schüler täglich um mich sammeln darf! (vesxasian stutzt.) Du bist von dem, was in Jerusalem Geschieht, ich weiß es, trefflich unterrichtet, Und so ist sicher dir nicht unbekannt Das Lehrhaus Rabbi Iochanans 'ben Sakkai. Ein solches Lehrhaus, wenn du es vergönnst, will ich in Iamnia aufs neu' errichten. (Vesxasian blickt ernst.) Du darfst es unbedenklich mir gestatten, Denn was wir lehren, das ist: Gottesfurcht Und Menschenliebe und die Rönigstreue Und alles, was dem Menschen wissenswert. Vesxasian. Und alles, was dem Menschen wissenswert — Sehr schön, mein Rabbi! Dazu Gottesfurcht Und Menschenliebe und die Rönigstreue . . Wenn dieses eure Lehre ist und ihr Sic selbst befolgt, so kann das Lehrhaus wohl Der Römerherrschaft nicht gefährlich sein. Joch an an. Dies lehren wir und leben selbst danach^ Vesxasian. So sei dein Wunsch gewährt und Iamnia Und seine Weisen will ich gern verschonen. Mag deine Schule dir viel Freude bringen! Iochanan. Hab' Dank, o Herr! Und unsres Gottes Segen Wird dich belohnen und zu Ehren bringen. Erblick' ich doch auf deinem Haupte schon Das Diadem, das dich zum Herrn von Rom Verkündet, und ich grüße dich als Kaiser! Vesxasian (sich erhebend). Wohl möglich, Rabbi Iochanan! Leb' wohl! (vesxasian ab.) Iochanan. Hab' Dank, mein Gott, daß du mir beigestanden! Das Werk, das ich zu deiner Ehre sinne, Hast du mit deinem Segen schon gekrönt! Wohl sinkt dein heilig Haus in Schutt und Trümmer, Rein Priester waltet fürder seines Amts, Und der Leviten Lieder werden schweigen. Allein was braucht's der Priester? Ist nicht jeder In deinem Volk ein Priester? Sprachst du nicht Von Sinais Höhen einst: „Ihr sollt mir sein Ein Reich von Priestern und ein heilig Volk"? Bedarfs der Gxfer? Willst du nicht vielmehr, Daß man dich liebe und in Demut wandle Und seinen Nächsten liebe wie sich selbst? Nein, nicht Jerusalem und nicht der Tempel Mit seinen Opfern sind das Judentum: Das Judentum beruht auf deiner Lehre, Und wo man diese lehrt, da wohnest du! Für diese heil'ge Lehre eine Zuflucht Sucht' ich im voraus, und sie ist gefunden: In Iamnia soll sie auf's neu erblühn . . . Die Zeit ist ernst, die alte Form zerbrach, Doch lebt der Geist, und der heischt neue Form. So hat einst Lsra vor Jahrhunderten, Der neuen Zeit gehorchend, Einrichtungen Getroffen, die .das Judentum erhielten; Und bis zum heut'gen Tage floß der Strom Ununterbrochen — der Entwicklung Strom: Es wechselte die Form, doch blieb der Geist! Steht nicht geschrieben in den heil'gen Büchern: „An Liebe Hab' ich Wohlgefallen," spricht DerHerr, „und nicht anOxfern?" Nunwiohlan Dies sei die Richtschnur meines neuen Wirkens In Iamnia . . . O, mög' es mir gelingen Den wahren Geist des Judentums zu bannen, Daß er in unsern Schulen ewig herrsche: Zu wahren die ererbte Religion, Zu merken auf die Zeit und ihr zu folgen Und allen Menschen Liebe zu erweisen . . Dr. R u t t n e r, Frankfurt a. M.