Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126528--0425-3127203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Ar. F. Karck: „Natürlich" und Aehntichrs also diese Erweiterung im Synagogen-Unterricht gebräuchlich gewesen sein. Oder Jesus muß aus Erfahrung gewußt haben, daß das Mort so ausgelegt zu werden pflegte." 3n der Tat, es muß und muß und muß so gewesen sein, da ja die Tatsachen übereinstimmend bekunden, daß es so nicht gewesen ist. Um diese „selbstverständliche" Beweisart 311 kennzeichnen, genügt es, nur ein letztes Beispiel noch anzuführen. Es ist ein Glaubenssatz, mit dem die moderne protestantische Theologie an die Erklärung des Neuen Testaments herantritt, daß dieses den jüdischen Lohngedanken überwunden hat. Nun kommt aber die Verheißung eines reichen Lohnes von Gott im Evangelium klar zum Ausdruck. So im Evangelium Matthaei im sechsten Kapitel, in welchem die Uebung guter Merke geboten wird mit dem ständigen Kehrsatz: „Dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich." Selbst wer in seinem Kämmerlein betet, wird dessen versichert: „Dein Vater wird dir es vergelten." von diesen Morten läßt sich nichts abhandeln und nichts streichen; der „überwundene Lohngedanke" steht hier deutlich als Jesu Meinung. Aber trotz allem, da das jenem Dogma widerspricht, ist es „natürlich" anders gewesen, und so lautet denn die Erklärung, die Z. Meiß zu dem Verse des Evangeliums gibt, kurz und bestimmt: „Unmöglich kann es Jesu Meinung gewesen sein," daß Gott das andächtige Gebet besonders belohnt. Diese Erklärung ist auch deshalb kennzeichnend, weil sie das doppelte Maß sehen läßt, mit dem gemessen wird, und sie auch hierin nur ein Beispiel unter vielen ist. handelt es sich um das Judentum, so wird das Beste so gewendet, daß es im Grunde doch nicht viel bedeutet; steht aber das Christentum in Betracht, so ist das Geringste alsbald ein Großes, ja ein Meltgeschichtliches. Sagt z. B. das dritte Buch Moses im 19- Kapitel im 3% Verse: „liebe den Fremdling wie dich selbst", so ist das für I. Meiß bloß ein „Ansatz zu einer Ueberwindung des partikularismus." Menn dagegen das Evangelium etwa sagt — was übrigens im Alten Testament wie im Talmud auch seinen Ausdruck findet —: „wenn du betest, so geh in deine Kammer," dann stellt das für ihn „einen großen Schritt zur Verinnerlichung der Frömmigkeit" dar. Diese Zwiespältigkeit wird bisweilen fast zur Komödie. Das Vaterunser hat in den rabbinischen Gebeten seine parallelen, und Meiß führt eine derselben auch an. Aber, wo er von dem Gebet des Evangeliums spricht, übersetzt er: „es komme dein Reich", und wo er das entsprechende rabbinische Gebet erwähnt, das ebendieselben Morte, den völlig gleichen Text bietet, übersetzt er: „Laß herrschen deine Königsherrschaft." Da die beiden Sätze nun einmal gleich sind, so sollen sie wenigstens verschieden klingen. Auch das gehört ins Kapitel vom „Natürlichen". Zum Schluß soll nicht verschwiegen werden, daß Meiß den trefflichen Grundsatz aussxricht: „Es ist ein unvornehmes Verfahren, wenn man, um die Größe des Mortes Jesu hervorzuheben, die herrschende Auffassung der Rabbinen möglichst niedrig darstellt." Leider glauben manche bisweilen, wenn sie sich zu einem Grundsatz einmal bekannt haben, brauchten sie ihn nicht mehr zu befolgen. Zoh. Meiß macht es, an vielen Stellen seines Kommentars wenigstens, schwer, ihn nicht zu denen zu rechnen, welche denken: dixi et salvavi animam meam.