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Liberales Judentum · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Date
1910-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Ar. F. Kaerk: „Natürlich" und Arhnlichrs 11 Tage des Gerichts, an den der Täufer glaubt und an den er seine Zuhörer gemahnt, ist in die Gedankenwelt des Volkes von den Propheten gebracht worden. Sie waren die Propheten aus der Väter Tagen, aber ihre Rede galt auch in des Täufers Zeit als Gegenwartsspruch, ihr Wort damals wie einst als der Verkünder des Kommenden. Last alle hatten sie von dem Tage des Herrn gesprochen. vornan Amos, der den Grundtext dafür geschaffen hat: „Vernehmet das Wort, das der Herr gegen euch, ihr Israeliten, redet, gegen das ganze Geschlecht, das ich aus Egypten hergeführt habe: „Tuch habe ich erkannt vor allen Geschlechtern der Erde — darum strafe ich an euch am härtesten alle eure Missetaten!" Das rächende Ungewitter vom Herrn fährt wohl über die ganze Erde hin, aber über Israel bleibt es stehen, um über ihm sich mit der ganzen Gewalt zu entladen und alle Frevler und hochmütigen im Volk zu zerschmettern. Ebenso predigen es nach Amos die Propheten, jeder in seiner besonderen Art, hosea und Iesaias, Micha und Jeremias bis hin zu dem letzten der Propheten, Maleachi. Immer ist es Israel, das zuvörderst vor dem Tage des Herrn zittern muß. Die Heiden und das Gericht, das über sie kommt, so faßt Karl Marti es in seiner Geschichte der israelitischen Religion zusammen, „bildennurdenRahmen zu dem Gerichte über Israel". Diese sittliche Anschauung, die die Gottesfürchtigen und Frevler, wo immer sie seien, einander gegenüber sieht, ist auch darnach, bei den apokalyptischen Schriftstellern, festgehalten worden. Wie einer der besten Renner dieser nachprophetischen Zeit, W. Baldensxerger, hervorhebt, wird für sie „die Unterscheidung von gerechten und ungerechten Individuen zu einem wesentlichen Hauptstück des religiösen Glaubens . . . und dadurch verliert der alte Adelsbrief der Abrahamskindschaft an Wert." Nicht anders ist es in dem talmudischen Schrifttum ausgesprochen, auch hier ist der ernsteste Akt am Tage des Herrn das Gericht über die Frevler in Israel. So ist es der deutliche geschichtliche Tatbestand, und ihm gegenüber sei die Erklärung, die I. Weiß gibt, in ihrer ganzen Bestimmtheit nochmals hierher gesetzt: „Die Juden beziehen diese Weissagung natürlich auf die Heiden; für sich selbst befürchten sie nichts davon." Ein anderes Beispiel: Die Bergpredigt enthält den Satz: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen." Dieses letztere Wort „und deinen Feind hassen" ist ein odiöser Zusatz, durch den eine spätere, gegen das Judentum gerichtete Absicht den biblischen Spruch von der Nächstenliebe zu ergänzen verstanden hat. Wie dieses angebliche alte Wort vom haß nicht in der Bibel steht, so widerspricht es auch ihrem Geiste und allen ihren Sätzen. Es widerspricht auch den Lehren des Talmud, der es vielfältig einfchärft, dem Feinde Gutes zu tun — und manchem wird diese bestimmte Wohltat, die dem Feinde erwiesen werden soll, dieses Gebot der Stunde, als die entschiedenste Feindesliebe erscheinen, die sonst nur zu leicht in ein leeres Gefühl verschwimmt. Gegen alle diese Tatsachen vermag I. Weiß auch nichts anzuführen, was jenem tendenziösen Zusatz irgend ein geschichtliches Recht beilegen könnte. Allein, was man nicht erweisen kann, das stellt man als „natürlich" hin. Und so tritt denn an den j)latz der historischen Zeugnisse folgende Erklärung: „In der Lehre und Praxis der Schriftgelehrten muß das Gebot (von der Nächstenliebe, die auch dem Fremden zuteil werden soll) anders gedeutet und gehandhabt worden sein. Denn Jesus zitiert es mit dem Zusatz: „und deinen Feind sollst du hassen", als ob er zu dem alttestamentlichen Worte gehörte. Es muß

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