Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126528--0423-3127201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 Ar. L. Kseck : „Ustürlich" und Aehnliches fast selbstverständlich geworden, daß man während des Gottesdienstes kommt und ihn vor Schluß verläßt. Der Beginn des Gottesdienstes findet fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Die „Frommen" haben das Morgengebet zu Hause verrichtet, die anderen haben nicht die Zeit oder finden keine Andacht dabei. Trotzdem muß der Gemeindegottesdienst das ganze Gebet unverkürzt festhalten. So wird die Würde und die Weihe des Gottesdienstes und des Gotteshauses zerstört. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Ts ist eine Notwendigkeit, daß überall mit Besonnenheit und Mäßigung die liberalen Forderungen ausgestellt, die liberalen Gedanken verbreitet werden. Ts ist nicht wahr, daß die Liberalen bloß abschaffen wollen; wir wollen vielmehr wertvolles erhalten und neu schaffen. Den klugen Leuten aber, die stets mit diesem Tinwand bei der Hand sind, sei ein köstliches Wort Gottfried Kellers ins Stammbuch geschrieben: „Ts gibt eine Redensart, daß man nicht nur niederreißen, sondern auch wissen müsse aufzubauen, welche Phrase von gemütlichen und oberflächlichen Leuten allerwegs angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Tätigkeit unbequem entgegentritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo obenhin abgesprochen oder aus törichter Neigung verneint wird; sonst aber ist sie ohne Verstand. Denn man reißt nicht stets nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil, man reißt recht mit Fleiß nieder, um freien Raum für Luft und Licht zu gewinnen, welche überall sich von selbst einfinden, wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. wenn man den Dingen ins Gesicht schaut und sie mit Aufrichtigkeit behandelt, so ist nichts negativ, sondern alles ist positiv, um diesen j)fefferkuchenausdruck zu gebrauchen." „natürlich“ und flehnliches. Von Dr. £. Baeck-Düfteldorf. s ist eine kritische Regel, am mißtrauischsten gegen Sätze zu sein, die sich „bekanntlich" „von selbst verstehen". „Selbstverständlich", „unmöglich" und „natürlich" dienen häufig nur dazu, die Schwäche der Behauptung möglichst stark zu übertünchen: Man weiß es nicht genau, und deshalb ist es natürlich so; man kann es nicht beweisen, und darum muß es so sein. Nur zu oft verhält es sich wirklich gerade umgekehrt, als es sich bekanntlich verhält. Ts ist eine Art von unbewußter Klugheitslist, um so entschiedenere Worte zu nehmen, je mehr es an Gründen mangelt. Die Sachkunde spricht weit behutsamer. Vor einigen Jahren erschienen, von Johannes weiß herausgegeben, „die Schriften des Neuen Testaments neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt"; das Werk hat schon nach kurzer Zeit in zweiter Auflage seine Verbreitung gefunden. Der Herausgeber hat die Trläuterung zu den drei älteren Tvangelien geschrieben; sie ist in vieler Einsicht belehrend, aber auch psychologisch interessant durch den Gebrauch, den sie von jenen Tünchwörtern macht. Ts verlohnt sich, das an einigen Beispielen darzulegen. Der Täufer Johannes ist in der Wüste Juda aufgetreten; er ruft zur Buße auf und macht die alte Verkündigung vom Tage des Gerichts lebendig. „Aber die Süden," so erklärt unser Kommentator, „beziehen diese Weissagung natürlich auf die Heiden; die werden durch den Zorn Gottes vernichtet werden, damit Israel endlich zu seinem Recht komme. Für sich selbst befürchten sie nichts davon." Also spricht S. weiß. Aber wie sprechen die Tatsachen? Die Botschaft vom