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Liberales Judentum · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 9

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Date
1910-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Ar. Hermann Ungeistern: Grundfragen des liberalen Judentums 9 üben. Die Resolution zürn Programm der Bereinigung spricht das unzweideutig aus. Aber sie spricht ebenso unzweideutig aus, daß wir das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für uns und unsere liberalen Anschauungen fordern. Nach den schweren Rümpfen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist durch die Herrschaft der Vermittlungstheologie und der Versöhnungspolitiker das religiöse Leben in vielen Gemeinden geradezu vollständiger Stagnation verfallen. Die religiösen Wünsche der Ronservativen fanden Berücksichtigung, die Wünsche der Liberalen blieben unbefriedigt. Für liberale Synagogen ließen diejenigen, die diese Synagoge niemals betraten, keinerlei Abänderung zu, ja man duldete gar nicht mehr die Erörterung liberaler Forderungen, weil bereits diese Erörterung die religiösen Empfindungen der Ronservativen verletzen könnte. Dabei beließ man Gemeindeverwaltung und Vertretung meist in den Händen der Liberalen; so hatten die Ronservativen nicht das Odium der Verweigerung aller liberalen Forderungen auf sich zu nehmen. Die schwächliche von liberalen Männern in konservativer Richtung geführte Gemeindepolitik hat vielfach geradezu verheerend gewirkt. Sie brachte die allergefährlichste Orthodoxie auf, die das gegenwärtig Bestehende um jeden j)reis erhalten will, nicht weil es althergebracht ist, sondern weil es jetzt besteht. Es ist eine innerlich durchaus unwahrhaftige Richtung, deren Vertreter sich häufig selbst über alles Religiöse hinwegsetzen, sich aber als die Zionswächter gebärden, wenn von irgend einer Seite auch nur die geringste Reform angeregt wird. (Charakteristisch für diese Richtung ist das Argument, mit dem vor nicht langer Zeit in der Repräsentantenversammlung einer großen Gemeinde eine gottesdienstliche Abänderung bekämpft wurde, man müsse Rücksicht nehmen nicht auf die Frommen, sondern auf die Frömmler. Das heißt die Unwahrhaftigkeit auf den Schild erheben, und die Unwahrhaftigkeit ist die Todfeindin wirklichen religiösen Lebens. Von den Vertretern dieser Richtung wird ganz besonders die Aufgabe der Rabbiner dahin aufgefaßt, daß diese um jeden j)reis das Bestehende zu erhalten haben. Damit aber hört der Rabbiner auf, der religiöse Führer der Gemeinde zu sein, wenn er lediglich der Hemmschuh ist. Der Rückgang des Einflusses der deutschen Rabbiner auf ihre Gemeinden findet hierin zumteil seine Erklärung. Wenn die Orthodoxen in Westfalen und Baden und anderwärts sich zu Sonderverbänden zusammengeschlossen haben, wenn sie überall bei ihren Agitationen zur Bildung von Separatgemeinden die tatkräftige Unterstützung ihrer Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland gefunden haben, so hat man das auf liberaler Seite als ihr gutes Recht hingenommen. Gegen den Zusammenschluß der Liberalen aber werden von liberalen Männern warnende Stimmen erhoben, wir werden beschworen, unsere Forderungen nicht laut werden zu lassen, und der Vorwurf, daß wir den Frieden stören, wird selbst von manchen Liberalen ausgesprochen. Dabei kann sich niemand der Erkenntnis der gegenwärtigen Stagnation verschließen, niemand der Erkenntnis, daß unsere gegenwärtigen Zustände die Gemeinden geradezu zum Zndifferentismus erziehen. Fast überall ist an die Stelle der sträflichen Vernachlässigung des Religionsunterrichts eifrige Tätigkeit zu seiner Hebung getreten. Die Zugend steht dem Zudentum heute näher, als vor einem Menschenalter. Aber hat sie die Schule verlassen, so geht sie uns vielfach verloren; denn die Gemeindeinstitutionen, in erster Reihe der Gottesdienst, bieten ihr nicht, was sie dringend braucht. Unser Gottesdienst ist zu lang. Es ist in den jüdischen Gemeinden

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