Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Hermann Ungeistern: Grundfragen des liberalen Judentums thodoxie und Liberalismus inbezug auf die religiöse Lehre. Lin solcher purtft ist bereits erwähnt. Die Orthodoxie steht aus dem Standpunkt der Verbalinspiration, der Liberalismus sagt: Die Bibel ist göttlichen Inhalts, aber für Menschen und von Menschen geschrieben. Der Liberalismus betrachtet bei aller Pietät vor der Bibel auch dies Buch in derselben Weise wie jedes andere Literaturprodukt, die Orthodoxie läßt höchstens die ästhetische Würdigung zu, freilich auch nur soweit sie unbedingt anerkennend aussällt, d. h. die rückhaltlose Anerkennung der Schönheit der biblischen Darstellung. Die Frage der Lntstehung und Abfassungszeit der biblischen Bücher existiert für die .Orthodoxie nicht, für sie ist diese Frage durch die Überschriften, bez. durch die Ueberlieserung gelöst. Der Liberalismus kann sich mit der Bibelkritik wie mit jeder andern Wissenschaft ohne Schwierigkeit abfinden; denn die Frage, wann und von wem die einzelnen biblischen Bücher verfaßt sind, ist für ihre religiöse Bewertung gleichgiltig. Line weitere Differenz ist die Frage der sogen. Wunder, d. h. der Aufhebung der Naturgesetze. Die Orthodoxie erkennt sie ohne weiteres buchstäblich an, da Gott allmächtig ist. wir Liberalen meinen, daß das Wesen Gottes die Bürgschaft für die Unverbrüchlichkeit wie des Sittengesetzes so auch des Naturgesetzes ist. Die biblischen sogen. Wunder sind entweder dichterische Ausschmückung, oder sie spiegeln die Anschauung der Menschen jener Zeit, der biblischen Erzähler wieder. Die religiösen Formen stehen für die Orthodoxie auf derselben Linie wie die Grundlehren der Religion. Wir unterscheiden scharf zwischen den Grundlehren des Judentums und seiner äußeren Erscheinungsform, deren Wandlungsfähigkeit allein die Möglichkeit bietet, den ewigen Kern des Judentums unter den verschiedensten Zeitverhältnissen festzuhalten und auszuprägen. Die Orthodoxie erhofft das Wiedererstehen des jüdischen Reiches, das Wiedererstehen des Tempels in Jerusalem und des Gpferkultus. Daher hält sie die hierauf bezüglichen Gebete, sowie die Erinnerung an die priesterliche und levitische Abstammung und die Ehrenrechte für priester und Leviten fest, wir Liberalen betonen den universellen Tharakter der jüdischen Religion, das allgemeine Priestertum ganz Israels, wir verwerfen das Opfer; denn wir sind der Meinung des Maimonides, daß das Opfer in Israel nur ein Zugeständnis an die damalige Zeitanschauung war. Die m e s s i a n i s ch e Idee ist eine der Grundideen des Judentums: Die konservative Richtung hält die Hoffnung auf den persönlichen Messias fest; wir legen den Nachdruck auf die Verwirklichung der messianischen Idee, nämlich Wahrheit, Recht und Frieden für die ganze Menschheit auf der Grundlage der Gotteserkenntnis. Uns ist die messianifche Idee die religiöse Lehre von dem ewigen Fortschritt der Menschheit, das Korrelat zur Gottesidee. Auf konservativer Seite wird die leibliche!Auferstehung der Toten als religiöse Lehre festgehalten. Wir betonen den Gedanken der Unsterblichkeit, nicht der leiblichen Auferstehung. Die skizzierten Differenzen der religiösen Anschauung genügen, um die Notwendigkeit eines liberalen Religionsunterrichts zu erweisen. wir wollen unsere Kinder nicht in religiösen Lehren erziehen lassen, die wir nicht bekennen, ja wir sind der Meinung, daß, wenn unsere Kinder das Judentum in orthodoxer Beleuchtung kennen lernen, sie es später völlig verwerfen werden. Der Zusammenschluß der Liberalen ist nicht erfolgt, um auf die Orthodoxen oder Konservativen einen Gewissenszwang auszu-