Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Hermann Uogelstrin: Grundfragen des liberalen Judentums 7 sätzlich viel mehr von der Orthodoxie, als von den Liberalen; praktisch freilich steht sie den Liberalen feindseliger gegenüber. Für die Differenz den Liberalen gegenüber gibt es zwei Möglichkeiten. Ls sind entweder, wie Samuel mit Recht ausgeführt hat, Fragen des Maßes, des Tempos und des Taktes, die uns trennen oder vielmehr zu trennen scheinen. Denn das sind keine grundlegenden Unterschiede. Sagt doch die bei Begründung der liberalen Vereinigung als Ergänzung des Programms angenommene Resolution ausdrücklich: „Dem liberalen Prinzip der Gewissensfreiheit entsprechend, wird bei seiner Durchführung den lokalen Verhältnissen Rechrrung zu tragen sein." Genau wie auf politischem Gebiete wird auch auf religiösem Gebiete das Maß der anzustrebenden Reformen im liberalen Sinne von den jeweiligen Verhältnissen abhängig sein. Ls bleibt somit nur ein anderer Unterschied der Mittelxartei von uns Liberalen, daß nämlich die Mittelxartei das Gesetz der Entwicklung anerkennt, aber nur bis zu einem bestimmten Punkte, daß sie also der Entwicklung willkürlich Halt gebietet. Das ist eine völlig unhistorische, unwissenschaftliche Anschauung, ebenso unhistorisch und unwissenschaftlich wie die Anschauung, der man gelegentlich, in liberalen Rreisen begegnet, als könnten wir gewisse Epochen unserer Entwicklung, etwa die talmudische und rabbinische Periode, die das zeremonielle Leben in solchem Maße ausgebildet hat, streichen und schnurstracks an die Propheten anknüpfen. Das wäre sadduzäisch oder karäisch, aber unhistorisch. Wir bleiben auf dem pharisäischen Standpunkt der lebendigen Entwicklung, der nimmer endenden, fortdauernden Offenbarung. Wir erkennen die Entwicklung an, wie Abraham Geiger ausgesprochen hat, von der Bibel biszumletztenpolnischenDarschan. Der Gang der Entwicklung ist durch die geschichtlichen Verhältnisse bedingt gewesen. Er ist nicht immer unseren Wünschen entsprechend gewesen; aber nur in gesunder organischer Entwicklung läßt sich auch das Unerwünschte allmählich überwinden. Als Ziel schwebt uns das prophetische Judentum vor, d. h. nicht das religiöse Leben der Israeliten, wie es zur Zeit der Propheten war, sondern wie die Propheten es als das Ideal hingestellt haben. Der Unterschied zwischen Orthodoxie und Liberalismus tritt im Judentum besonders zutage in äußeren Formen. .Das Maß der Innehaltung des Zeremonialgesetzes gilt vielfach als Maßstab für die „Frömmigkeit" in der mißbräuchlichen Anwendung des Wortes. Die Orthodoxen gelten als die „Frommen", den Liberalen wird die Frömmigkeit abgesprochen. Im Leben der Gemeinde hütet man sich ängstlich das religiöse Empfinden der „Frommen" zu verletzen; das religiöse Empfinden der Liberalen gilt nicht als vollwertig. Daher sind diejenigen, welche das Zeremonialgesetz nicht beobachten, selbst vielfach der Meinung, daß sie eigentlich nicht rechte Juden oder überhaupt nicht Juden sind. Gegen diese Anschauung muß auf das entschiedenste angekämpft werden. Sie erklärt sich zumteil daraus, daß die Rümpfe zwischen Orthodoxie und Freisinn, wenngleich sie viel tiefer lagen, sich naturgemäß ganz besonders auf die äußeren Formen des religiösen Lebens bezogen, daß man demzufolge diese als den eigentlichen Inhalt der Rümpfe ansah und daß sie so zu dem Schibboleth der Parteien wurden. Ein zweites Moment zur Erklärung dieser Anschauung ist die auf Mendelssohn zurückgehende Meinung, daß das Judentum nicht geoffenbarte Religion, sondern geoffenbarte Gesetzgebung sei. Mendelssohns Ansicht ist irrig, ebenso die darauf beruhende Einschätzung des Zeremonialgesetzes. Es sind vielmehr tiefgehende Differenzen zwischen Or-