Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Ar. Hermann Nogel stein: Grundfragen des liberalen Judentums eine Neuerung gewesen ist, und sodann, daß selbst die Orthodoxie sich der Entwicklung keineswegs entziehen kann, vor f00, ja noch vor 70 fahren waren deutsche predigt, geordneter Gemeindegesang, S>magogenchor, schwarze Kleidung bei Leichenbegängnissen u. dgl. m. aufs äußerste verpönte Reformen, Heute sind diese Dinge in jeder orthodoxen Gemeinde selbstverständlich. Selbstverständlich ist sogar das Ornat für Rabbiner und Vorbeter geworden, obgleich es mindestens in demselben Maße wie die Orgel als Chukkath haggoj (nichtjüdische Sitte) bezeichnet werden könnte. Zu Anfang des l9- Jahrhunderts trug die Frau seit dem Tage ihrer Verheiratung das Haar durch eine tiefe Haube verhüllt. Dann kam der sogen. Scheitel auf, d. h. die meist sehr kunstvolle Perücke, die in manchen Fällen schöner ist als das eigene Haar, in jedem Falle aber dem beabsichtigten Zweck nicht gerecht wird; und bis tief in orthodoxe Kreise hinein gilt es nicht als Sakrileg, daß die verheiratete Frau das eigene Haar trägt. Ob mit, ob ohne Scheitel tanzen die Damen der Orthodoxen mit Herren, gehen in dekolletierter Balltoilette, was einem Orthodoxen vor hundert Jahren als äußerste Ketzerei erschienen wäre. Sch habe nur wenige besonders ins Auge fallende Punkte angeführt. Auch die Orthodoxie unterliegt der Entwicklung; nur daß fie ihr widerwillig und unbewußt unterliegt, während wir sie bewußt anerkennen. Es bleibt übrig ein Blick auf die Mittelpartei, die kürzlich mit einem von 59 Theologen Unterzeichneten Aufruf an die Geffentlichkeit getreten ist. Das Programm wendet sich unter der Flagge der Versöhnung in feindseligster Meise gegen den Liberalismus mit Angriffen, bei denen es schwer wird, den guten Glauben der Unterzeichner vorauszusetzen. So heißt es wörtlich: „Die Zugend soll durch Verkündigung haltloser Behauptungen über unser heiliges Schrifttum verwirrt, ja es soll selbst der Religionsunterricht dem oft unreligiösen Charakter des Familienhauses entsprechend erteilt werden." Das ist eine Unterstellung, die jeder liberale Rabbiner und Religionslehrer als eine Verunglimpfung seiner Absichten mit Entrüstung zurückweist, eine Unterstellung, die beweist, daß man unser Programm nicht verstehen will, wie es gemeint ist, daß man uns vielmehr dessen bezichtigt, daß wir den Religionsunterricht mißbrauchen, um Religion und Religiosität der Zugend nicht zu befestigen, sondern zu zerstören. Daß diese Anwürfe unberechtigt sind, hätten die Herren sich selbst sagen müssen, wenn sie sich über die Tätigkeit einer Reihe liberaler Rabbiner grade auf dem Gebiete des Religionsunterrichts auch nur oberflächlich informiert, wenn sie die Aufsätze von Freudenthal und Seligmann in dieser Zeitschrift auch nur eines Blickes gewürdigt hätten. Eine Partei, die es rpagt, solche Angriffe bei ihrer Begründung auszusprechen, hat wahrlich nicht das Recht, sich als die Partei der Versöhnung aufzuspielen. Sie trägt vielmehr die Schärfeund Erbitterung in den Kampf der Parteien hinein. Meder Wahrheit noch Frieden wird durch solche Kampfesweise gefördert, weil diese Kampfesweiseunwahrhaftig ist. . Auf die Einzelheiten des Programms dieser Vereinigung einzugehen, ist hier nicht der Ort; es sei vielmehr auf den Aufsatz von Dr. Samuel in Nr. ^5 der Allg. Ztg. des Zudentums und auf die beiden Artikel in Nr. (5 des Liberalen Zudentums verwiesen. Nur ein j)unkt sei hervorgehoben. Auch die Mittelpartei stellt die Anwendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Zudentum nicht in Abrede und weist nicht alle Zugeständnisse an die moderne Zeit ab. Sie unterscheidet sich also grund-