Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Hermann AsgeLstrin: Grundfragen des liberalen Judentums 5 liche und persönliche fernzuhalten. Nicht den Vorübergehenden Fragen des Tages, sondern den bleibenden großen Fragen des religiösen Judentums und jedem Beitrag, der zur Kräftigung des religiösen Lebens, zur Belebung jüdisch-religiösen Interesses uns geeignet erschien, liehen wir unsere Spalten. Nicht mit jeder hier geäußerten Meinung, nicht mit jedem Vorschlag stimmten wir überein, aber keiner Meinungsäußerung, die mit wissenschaftlichem Ernst vertreten wurde und aus jüdischer Seele entsprang, glaubten wir unser Blatt verschließen zu dürfen. Was unserem Blatte noch fehlt, fühlen wir selbst aufs tiefste; es muß sich seinen sicheren weg erst allmählich bahnen. Allen unseren Mitarbeitern sagen wir herzlichen Dank und bitten sie und jeden, den das Herz drängt, seine Stimme in dieser Zeit zu erheben, um ihre gütige Mitarbeit im neuen Jahrgang. (Grundfragen des liberalen Judentums. Von Dr. Hermann Vogelftein-Königsberg i. Pr. ie Voraussetzung, von der wir ausgehen, ist, daß uns das Judentum als Religion etwas wertvolles ist. wir liberalen Juden betonen mit allem Nachdruck, daß wir Juden sind, das Judentum festigen und fördern und unsere Rinder als Juden erziehen wollen. wir unterscheiden uns von den Zionisten, die das Judentum als Nation betrachten, wie der einzelne sich zu dieser Frage stellen mag, ob er der zionistischen oder der entgegengesetzten Ansicht huldigt, ist für uns zunächst gleichgültig, wer aber das Judentum lediglich unter dem Gesichtswinkel der nationalen oder Rassengemeinschaft ansieht, wem das Judentum als Religion nichts bedeutet, der gehört nicht zu zu uns. wir haben es mit der Religion des Judentums zu tun, und hier wollen wir die weitere Entwicklung in freisinnigem Geiste in die Wege leiten und fördern. Der Begriff der Entwicklung trennt uns von den Konservativen und ihrer extremen Richtung, den Orthodoxen. Die Orthodoxie behauptet, daß wie die Religion so auch alle ihre Institutionen göttlich und daher unabänderlich sind. Die Orthodoxie hat immer mehr den Begriff der Verbalinsxiration her.usgearbeitet, d. h. jedes Wort der Bibel ist von Gott eingegeben, gleichsam diktiert, jeder Zweifel ist ausgeschlossen, widerspricht die Wissenschaft (Geschichte oder Naturwissenschaft) in irgend einem religiös vielleicht gleichgiltigen Punkte, so ist das Ergebnis der Wissenschaft zu verwerfen. Für die äußere religiöse Uebung sind auf Grund der biblischen Vorschriften Talmud und späteres rabbinisches Schrifttum bis zu dem Ende des J6. Jahrhunderts von Joseph Karo verfaßten Schulchan Aruch und dessen Ergänzern unbedingt bindend. Jede Abweichung von diesen ist Sünde. Man hat für diese Richtung das Wort geprägt von dem „papierenen Papst", dem Schulchan Aruch, der unfehlbar ist wie der Papst in der katholischen Kirche, aber gefährlicher, weil der lebende Papst wenigstens einen früheren Ausspruch mit gleicher Unfehlbarkeit aufheben kann, während die Aussprüche des „papierenen Papstes" auch dann unabänderlich sind, wenn die Voraussetzungen, unter denen sie gegeben sind, nicht mehr bestehen. Die Orthodoxie vertritt die Geltung des Althergebrachten ohne Rücksicht auf seine Entstehung. Sie leugnet die Entwicklung. Aber sie vergißt einmal, daß auch das Althergebrachte sich allmählich entwickelt hat, daß es auch einmal