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Liberales Judentum · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 4

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Date
1910-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Ar. C« SeUgwann: Zum neuen Jahrgang Die leisten dem Judentum wahrlich einen schlechten Dienst, die den unhaltbaren heutigen Instand künstlich erhalten wollen, die das Me Schulchan - Aruch - Judentum wie einst die Spanier den Leichnam des (Lid in die Schlacht des Lebens tragen, um mit ihm ihre Siege zu erringen. Line tote Vergangenheit kann kein Leben wecken. Und wir wollen, daß das Judentum lebe, daß es der Atem unserer Seele sei. was hat das vertuschen der Gegensätze genützt? Der 'Gegensätze zwischen dem Judentum, wie es in alten Büchern steht und wie es heute gelebt wird? Linen äußerlichen Frieden hat es vorgetäuscht; aber der Friede wjar ein Kirchhofsfrieden, war ein Zustand, der von jedem ernst denkenden und wahrhaftigen Juden als ein sittlicher Notstand, als eine Anormalität ohne Gleichen empfunden werden mußte. Oder ist das ein normaler Zustand, daß von den 600 000 deutschen Juden 500 000 sich als Sünder betrachten sollen und tatsächlich von der unentwegten Orthodoxie als solche betrachtet werden? Ist das ein normaler Zustand, daß — auf der anderen Seite — konservativ sich nennende Rabbiner zur Indulgenz der nichtsweniger als konservativen Verhältnisse gezwungen sind? Ist das ein normaler Zustand, daß nur dasjenige Judentum in Deutschland offiziell anerkannt werden soll, das seit hundert Jahren in immer steigendem Maße seine Geltung in den Köpfen und im Leben verloren hat und nicht imstande ist, seine Kinder bei der Fahne zu erhalten? Ist das ein normaler Zustand, daß man sich über diese Dinge nicht einmal mehr aufregt oder wundert? Diese ungesunden Verhältnisse und der sittliche Imperativ, ihnen ein Lnde zu machen, sind es, die mit Notwendigkeit zur Gründung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland führen mußten. 500 000 Juden in Deutschland, die in ihrer Weltanschauung, in ihrem Autoritätsglauben, in ihrem Tun und Lassen nicht mehr auf orthodoxem Standpunkt stehen — was soll mit ihnen geschehen? Sollen sie dem Judentum verloren gehen? Sollen sie zu immer schlimmerem^ Indifferentismus verurteilt werden? Sollten wir, denen der Verfall wie ein tiefer Schmerz in der Seele brennt, zusehen, wie ein b)aus nach dem anderen, eine Generation nach der anderen dem religiösen Judentum verloren geht? Sollten wir die Hände in Schoß legen und alles der Zeit, die ohne treibende Menschen eine Phrase ist, oder sollten wir, mit frommem Augenaufschlag, alles dem lieben Gott überlassen? Mußten wir nicht den Versuch machen, die Intelligenz, die Frauen, die Jugend für ein Judentum zu gewinnen, das mit der modernen Weltanschauung, mit den modernen Lebensmöglichkeiten bestehen kann? Müßte nicht solch ein Judentum angesichts der bitteren Notwendigkeit selbst von der Orthodoxie herbeigewünfcht werden? Müßte es nicht selbst dann geschaffen werden, wenn es sich wissenschaftlich und historisch nicht rechtfertigen ließe, wie es sich in wirklichkett wohl historisch und wissenschaftlich begründen läßt? wir wollen alle — an der Ehrlichkeit dieses wollens dürfte niemand zweifeln — die Erhaltung des Judentums. Unsere Wege sind verschieden, wie die Gedanken und Gefühle, wie der Gesichtskreis und das Temperament der Menschen verschieden sind. Aber warum muß Feindschaft und Mißtrauen herrschen zwischen Brüdern? warum Unduldsamkeit und bittere Worte, wo uns, der kleinen Minderheit, die wir die Wunden der Unduldsamkeit auf schmerzvollem Leidensweg erfahren haben, gegenseitige Duldung wahrlich nottut. — was unsere Zeitschrift selbst betrifft, so sind wir bestrebt gewesen, alles Klein-

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