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Liberales Judentum · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 3

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Date
1910-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Ar. C. Keligrnanu: Zum neuen Jahrgang 3 nicht auf diejenigen aus, die im Denken und Leben auf orthodoxem Standpunkt stehen, wem der Schulchan-Aruch die maßgebende Autorität ist, wer sich in seinem Tun und Lassen dieser Autorität unterwirft, der gehört nicht zu uns und bleibe auf seinem Standpunkt stehen. Anders freilich steht es mit unserem Verhältnis zu der großen Masse derjenigen, die sich äußerlich zur orthodoxen Richtung zählen und von derselben als bstlfstruppen geduldet werden, die aber weder in ihrem Denken noch auch in ihrem Leben sich von dem orthodoxen Judentum beeinflussen lassen. Diese Mitläufer der Orthodoxie bilden die eigentliche Gefahr für die Zukunft des religiösen Judentums. Denn sie betrachten die Religion als etwas, das immer nur die anderen, aber s i e nichts angeht und zu nichts verpflichtet. Sie sind orthodox inbezug auf das, was andere glauben und halten sollen. Sie behandeln das Judentum als ein Blümlein: „Rühr mich nicht an". Warum auch nicht? Die orthodoxe Weltanschauung hat ihnen noch keine Seelenkämpfe gekostet, das orthodoxe Gesetz hat sie noch niemals gestört. Diese innere Unwahrhaftigkeit, die dazu geführt hat, daß in überwiegend nicht-orthodoxen Gemeinden orthodoxe oder konservative Rabbiner angestellt worden sind, welche ein Judentum vertreten, das "/iioo ihrer Gemeind emitglied er als für sich nicht verbindlich ansehen, dieser tiefe Zwiespalt zwischen dem jüdischen Leben, wie es gelebt und der jüdischen Lehre, wie sie offiziell gelehrt und mit frommem (?) Selbstbetrug anerkannt wiirh, diese unglückselige Vogelstraußpolitik, die sich die Augen vor den Wirklichkeiten des Lebens verbindet und nicht sieht, daß durch diese Politik des laisser faire laisser aller das deutsche Judentum geradezu religiös entartet, diese trostlose Zerrissenheit, die schließlich dahin' führt, daß es ein Judentum ohne Juden, und Juden ohne Judentum gibt — dies ist der eigentliche Krebsschaden, der an der Gesundheit des Judentums nagt und an seiner Zukunft verzweifeln lassen müßte. Welches innere Recht haben diejenigen, in jüdisch-religiöse Dinge hineinzureden und als unsere Gegner aufzutreten, die sich selbst von jeder religiösen Betätigung, für die sie 'mit großen Worten eintreten, dispensieren? Nicht eure Worte, eure Taten sollen reden! Und welches Recht haben diejenigen Rjabbiner, gegen uns gehässig aufzutreten, welche sich wohl hüten, gegen ihre Gemeindemitglieder, die unser Programm längst zur Praxis ihres Lebens gemacht haben, gehässig aufzutreten? wenn ihr es ernst meint mit euerem „heiligen Ideal, das berufen ist, das Leben zu meistern", so erhebet euere Stimme wie eine Posaune und kündet euren parnossim ihre Sünden und euerer Herde ihre Missetat; denn sie gehen am Sabbat ihren Geschäften nach und entweihen ihren Mund durch unreine Speisen, predigt ihr das auf euren Kanzeln? Lehret ihr das in euerem Religionsunterricht? Und wenn ihr es nicht tut, wenn ihr schweigende Duldung übt, wenn ihr, wie auf Verabredung, nichts redet von den unhaltbaren Geboten, von den abgestorbenen Gebräuchen, wenn auch ihr das wehen des neuen Geistes verspürt und euch den Ansprüchen der Zeit nicht verschließen wollt, wenn die Wissenschaft euch den Weg weisen soll, wenn als das heilige Ideal, das berufen ist, das Leben zu meistern, auch von euch nicht der Ritus und Kultus, sondern das heilige Sittengesetz, beruhend auf heiligem Gotteswillen gemeint ist — warum danjn die Gehässigkeit, warum die Entstellung und Verdrehung der Meinungen des Gegners, nur um ihn als hassenswert hinstellen ZU können?

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