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Liberales Judentum · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 2

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Date
1910-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Ar. C. Srligrnann: Auw neuen Jahrgang es unseren Rindern als teures Erbe erhalten werden soll, müssen wir uns fest und unzweideutig auf den Boden des liberalen Judentums stellen und dem Judentum neue Werbekraft zuführen durch Verinnerlichung und wissenschaftliche Vertiefung des Judentums, durch einen anregenden, die Ergebnisse der Wissenschaft berücksichtigenden Religionsunterricht, sowie durch volkstümliche Liberale Institutionen, insbesondere durch Einrichtung von Gottesdiensten, die Herz und Geist der heutigen deutschen Juden zu bewegen und zu erheben vermögen. In diesem Sinne rufen wir alle, die mit uns auf demselben Boden stehen, auf zu einer großen, ganz Deutschland umfassenden Vereinigung. Durch sie soll dem liberalen Gedanken ein mächtiger Resonanzboden geschaffen, den liberalen Forderungen im Gemeindeleben Nachdruck und Autorität verliehen und den liberalen Führern der Beweis erbracht werden, daß eine große Gesamtheit hinter ihnen steht." Infolge dieses Aufrufs traten der zu gründenden Vereinigung sofort 556 Mitglieder bei, darunter 56 Rabbiner. Am 3. Mai $08 fand zu Berlin die konstituierende Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland statt bei Anwesenheit von 20^ Mitgliedern aus allen Teilen Deutschlands, darunter 3^ Rabbiner. Heute, am Ende des Jahres $09 zählt die Vereinigung, einschließlich der großen angeschlossenen lokalen Vereine in 6 Großstädten 55^5 Mitglieder. Das ist ein großer äußerer Erfolg, aber für uns nur ein verheißungsvoller Anfang. Denn unsere Zukunftshoffnung ist der Zusammenschluß aller nichtorthodoxen deutschen Juden unter dem siegreichen Banner des liberalen Judentums. Der große Philologe Max Müller hielt einmal vor Jahren in der westminsterabtei zu London eine Rede, in welcher er die Religionen einteilt in missionierende und nichtmissionierende. Nur die missionierenden, sagt er, haben Glauben an sich selbst, haben Rraft und Leben, wollen überzeugen, überwinden, siegen. So ist auch das liberale Judentum von seiner gewaltigen welterobernden Mission tief erfüllt. Es fühlt in sich, daß seine Lehre der reinste und erhabenste Ausdruck der Religion an sich ist, unzerstörbar, unbesiegbar wie das Gute, wie die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Wenn wir's selbst nicht glauben wollten, der Geschichtsschreiber des neutestamentlichen Zeitalters, Renan, verkündetes uns mit prophetischen Worten: „Das Judentum, das der Welt in der Vergangenheit so sehr gedient hat, wird ihr auch in der Zukunft noch trefflich dienen, die reine Religion, der wir entgegensehen, die die Menschheit verknüpfen wird, wird die Religion der jüdischen Propheten sein." Und so tritt .das liberale Judentum, in dem stolzen Bewußtsein, in sich die Zukunft des Judentums, ja die Zukunft der Religion zu tragen, in unbesiegbarem vertrauen auf seine hinreißende Werbekraft an unsere Entfremdeten und Teilnahmlosen, an unsere Alten und Jungen, an unsere Männer und Frauen heran, um sie mit neuer Liebe und Begeisterung für das Judentum zu erfüllen. Seit fünfzig Jahren zum ersten Male wieder ist eine religiöse Bewegung im deutschen Judentum mit Liebe und Haß begrüßt worden. Man muß den Jubel und die Begeisterung in den Versammlungen der liberalen Vereinigung mit erlebt haben, um die Begeisterungsfähigkeit, die von dem liberalen Judentum ausgeht, würdigen zu können. Warum aber den Haß? Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland dehnt grundsätzlich ihre Propaganda

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