Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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liberales Judentum Ulonatsfchrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffchland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. FR. No. 1. Jahrgang 2. * 1910. Zum neuen Jahrgang. Van Dr. C. Seligmann - Frankfurt a. Hl. n neuer Jahrgang mahnt zur Rückschau. Zwei Jahre sind es jetzt her, daß von dem vorbereitenden Komitee zur Gründung einer liberalen Vereinigung folgender*) Aufruf in etwa 2000 Exemplaren versandt wurde: „Das liberale Judentum beruht auf der Anerkennung der fortschreitenden Entwicklung des Judentums, die es befähigt, bei Bewahrung seines wesentlichen und dauernden Gehalts überlebte zeitliche Erscheinungsformen zu verändern, oder, wenn sie unhaltbar geworden, abzustreifen. Fest auf dem Boden jüdischer Treue stehend, von inniger Liebe zur großen jüdischen Vergangenheit erfüllt und mit unerschütterlicher Hoffnung an seine Zukunft glaubend, sucht es in der Gegenwart einen weg, die überlieferten religiösen Gedanken und Satzungen, Formen und Institutionen mit dem Denken, Empfinden und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit pietätvoll auszugleichen. . Inmitten der gewaltigen Wandlungen, welche die Wissenschaft unserer Zeit durch *) Zn unserer Monatsschrift noch nicht veröffentlicht. die kritische Philosophie, durch den Fortschritt der Naturwissenschaft und die wissenschaftliche Bibelforschung .erfahren, inmitten der angespannten wirtschaftlichen .Tätigkeit im großen weltbetriebe, die eine Absonderung und Lebenserschwerung, wie sie das orthodoxe Judentum fordert, dem weitaus größten Teil der deutschen Juden schon äußerlich unmöglich macht, während sie ihm für die Förderung der Religiosität unwesentlich, ja oft wertlos erscheint, kann das liberale Judentum ohne schweren Schaden nicht theoretisch auf einen: Standpunkt verharren, den es im Leben und Denken aufgegeben hat. Durch den klaffenden Widerspruch und die innere Unwahrhaftigkeit, die sich darin rund tut, daß man für die eigene Person von der orthodoxen Anschauung und Lebensführung sich losgesagt hat, für die Institutionen und die religiösen Vertreter aber den streng orthodoxen Standpunkt einnimmt, ist ein innerer Widerspruch und eine religiöse Unsicherheit in das deutsche Judentum gekommen, die zum Indifferentismus der Massen beigetragen haben und zum Vorwand für den Abfall dienen. wenn das Judentum wieder zu einer Lebensmacht bei der großen Mehrheit den deutschen Glaubensgenossen werden, wenn