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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 383

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 383 (sequence 23)
Language
German
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Rundschau 383 griffs für die Gegner, sondern setzte auseinander, daß der liberale Gedanke im Judentum berufen sei, eine tatkräftige Stütze desselben zu. werden. Der Redner hob hervor, daß die jüdische Religion und die Wissenschaft zu einander gehören und nicht' Gegensätze bilden. Lr wies historisch nach, daß der Gedanke des Liberalismus im Judentum, der das Abgestorbene im Ritus und Kultus beseitigen will, nicht das Produkt der heutigen Zeit sei. Dasselbe taten schon die jüdischen weisen und Gelehrten im Altertum und im Mittelalter. Gebräuche, die Jahrhunderte bestanden, wurden abgeschafft, weil sie dem Wesen des Judentums Abbruch zu tun drohten, das auf freie Erkenntnis und dauernden Fortschritt aufgebaut ist. Der Grundgedanke des Judentums, der der Welt den Monotheismus brachte, ist als Kern der jüdischen Religion unwandelbar. Die äußere Schale, — die Gebräuche, — ist gestaltungsfähig und muß sich dem Leben anpassen, wenn sie nicht ganz beiseite geschoben werden soll. Der Vortragende legte Wert darauf, den Gottesdienst so zu gestalten, daß er verständnisvoll und damit erbauend wirkt. Line Andacht ohne Verständnis für dieselbe ist keine Andacht, die auf das Gemüt den erstrebten Einfluß ausüben kann. Im Gottesdienst soll dem deutschen Gebet und Gesang ein breiterer Raum als bisher eingeräumt werden, ohne etwa die hebräische Sprache die stets als Bindeglied der jüdischen Religionsgemeinschaft gelten muß, auszuschalten. Die Juden sollen die Sprache der Bibel, die Sprache, in der die Geistesheroen des Judentums gesprochen und geschrieben haben, hoch in Ehren halten. Der heutigen Iudenschaft ist die Sprache der Bibel aber nicht geläufig genug, um einer Andacht in dieser Sprache ganz und mit Verständnis folgen zu können. Letzteres erfordert deshalb den teilweisen Gebrauch unserer Muttersprache, dem sich kein verständiger verschließen darf, der in dem Gebet nicht nur einen Lippendienst sehen will. Mit vieler Wärme trat der Vortragende für den Ausbau des jüdischen Religionsunterrichtes ein, der in den höheren preußischen Schulen leider nur fakultativ sei, und von den Lltern bedauerlicherweise gegen das Interesse ihrer Lieblinge vernachlässigt werde. Der Sinn für das religiöse Judentum soll aber hauptsächlich in der Familie selbst gepflegt werden. Dies zu tun, forderte der Vortragende in erster Reihe die Frauen auf. Er empfahl, den jüdischen Festen die Beachtung zu schenken, die sie durch die ihnen innewohnende Poesie verdienen, damit sie auch einen erhebenden und nachhaltigen Eindruck auf das Gemüt der Kinder ausüben. In der darauf folgenden Diskussion. wandte sich Rechtsanwalt Dr. Kämpfer gegen die Gegner der Bestrebungen des Vereins, die den geistigen Kampf auf das Niveau des persönlichen herabzuziehen bestrebt sind. Als erster Gegner erbat sich Dr. T a l v a r y das Wort zur Ablesung einer schriftlich ausgearbeiteten Rede, welche selbst auf seine Parteigänger keinen Eindruck zu machen schien. Aus den Reihen der Gegner nahm dann Rechtsanwalt Dr. Kollenscher das Wort. Den Liberalen machte er zum Vorwurf, daß sie etwas anderes sagten, als sie wollten. Er wandte sich auch gegen vermeintliche Auslassungen des Vortragenden und machte Propaganda für die zionistische Idee. Diese Art der Diskussion wehrte Dr. Vogelstein in vornehmer und sachlicher Form unter lautem Beifall der Versammlung entschieden ab. Den Standpunkt des Liberalen Judentums vertraten alsdann noch in wirkungsvoller weise Iustizrat j)laczek und Gewerberat s)lotke, teilweise auch Dr. Kontorowioz. Trotzdem nur Freunde der liberalen Sache eingeladen waren, hatten sich 30—HO Gegner zum Teil sehr jugendlichen Alters in der Versammlung eingefun-- den, welche den würdigen Verlauf derselben zu stören suchten. Die Ausführungen des Herrn Dr. vogelstein haben indessen ihre Wirkung im Interesse der Aufgaben des liberalen Judentums nicht verfehlt und haben der jüdisch-liberalen Sache viele neue Freunde gewonnen. Versammlung in Kreslau. Vortrag des Rabbiner Ar. Goldmann- Oppeln. Am 2H. November hielt der „Liberale Verein der Synagogen-Gemeinde zu Breslau (Ortsgruppe der Vereinigung für das Liberale Judentum in Deutschland)" seine Generalversammlung ab, in der San.-Rat Dr. Reich als Vorsitzender den Jahresbericht abstattete. Er wies darin auf das regere Leben

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