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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 382

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 382 (sequence 22)
Language
German
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382 Rundschau Der Jude ist tatsächlich aus der Absonderung. hervorgetreten, und so mußten von selbst diejenigen jüdischen Sitten, die nur in der Absonderung ihre Wurzel oder ihr Ziel hatten, allen Grund und Boden verlieren. Wäre nur, wie so viele wähnen, die Absonderung das Lebenselement des Judentums, so würde es rettungslos verloren sein. Glücklicherweise haben aber die weltumschlingenden Ideen ihre Heimat gerade im Judentum, in der Religion, die schon vor Jahrtausenden Gott, den Vater aller Menschen, das Vernunftwesen, ohne Ausnahme ein Ebenbild Gottes, und Bruderliebe, die Liebe selbst zum nichtisraelitischen Fremdling eines ihrer Grundgebote und die Verbrüderung aller Erdenkinder in Gott das höchste Ziel der Menschheit nannte. Es ist nun die Aufgabe der Reform, das Judentum, aus dessen Schoß die Religionen aller gebildeten Völker hervorgegangen, in dieser seiner weltgeschichtlichen Bedeutung als einen der mächtigsten Rulturhebel hervortreten zu lassen, an die Stelle seiner verblichenen Gebräuche lebendige und durchsichtige Formen zu setzen, die seine Herrlichkeit vor den Augen aller Welt offenbaren. Es ist leicht, sich mit dem Namen eines Reformers zu schmücken, aber es gehört doch etwas mehr dazu, als sich über verschiedene alte Gebräuche hinwegzusetzen. Die wahre Reform begnügt sich nicht mit einem aufgeklärten Magen; sie erfordert einen tief religiösen Sinn, ein opfermutiges Herz, einen gottdurchdrungenen Geist; sie erfordert Israeliten, die den Schwerpunkt des Judentums in seinen ewigen Wahrheiten und Sittengesetzen finden und an ihnen wie am Leben festhalten, die mit den veralteten Satzungen nicht aus Frivolität brechen, sondern weil sie eine Fessel der lebendigen Religiosität in ihnen erblicken, die für Israels Welterlösungsberuf, für die Majestät seiner weltgeschichtlichen Wirksamkeit, für seine große Vergangenheit und für seine noch größere Zukunft mit Begeisterung erfüllt sind, daher nach dem Worte unseres großen Lehrers: „Eure Lehre sei eure Weisheit und eure Vernunft in den Augen der Völker" im Hause, im öffentlichen Rultus und im Handel und Wandel dem israelitischen Namen Ehre zu bringen trachten, dagegen vor jeder Entweihung des Gottesnamens zurückbeben, sie erfordert Israeliten, die für Recht, Licht und Wahrheit einstehen, so weit nur immer ihre Rräfte reichen und der Opfer der Not, der Lüge und des Druckes sich annehmen, von welchem Stamme und von welcher Religionsgemeinschaft sie auch immer sein mögen. Die wahre Reform will das prophetische Judentum, das nichts Höheres kennt, als sittliche Heiligung im Namen und nach dem Vorbilde des allerheiligsten Gottes. — Rundfchau. Versammlung in Posen. Vortrag des Rabbiner Nr. Uogelliein-Kteitin. Der verein liberaler Juden veranstaltete am November eine Versammlung, über welche die „j)osener Neuesten Nachrichten", wie folgt, berichten: Line imposante Versammlung füllte den Sternschen Saal bis auf den letzten jDlatz; zahlreiche Personen mußten umkehren, weil der Raum nicht ansreichte. Die Leitung der Versammlung lag in den Händen des Vorsitzenden des Vereins, Romm.-Rat Hamburger, der Herrn Rabbiner Dr. v o g e l ft e i n aus Stettin zu seinem vortrage „Die Aufgaben des liberalen Judentums" das Wort erteilte. Herr Dr. Vogelstein, ein glänzender Redner, der mit jugendlichem Feuer und inniger Ueberzeugungstreue für das von ihm gewählte Thema eintrat, löste seine Aufgabe in lichtvoller Weise. Er hatte kein Wort des An-

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