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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 378 (sequence 18)
Language
German
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378 K. Köhler: Zum hundertjährigen Geburtstag Aavid Einhornes war der Mann der unbestechlichen Wahrheitsliebe, des unerschütterlichen Ueberzeugungsmutes, dem die Ranzel die Offenbarungsstätte des ewig lebendigen Geistes der Gotteslehre war. Aus jeder seiner predigten redete der Feuergeist eines Elias, der zum Volke spricht: „wählet zwischen Euren Götzen und dem Gott der Wahrheit und schwanket nicht zwischen beiden Seiten hin und her!" Reine midraschische Rünstelei, keine leere Phrasendrescherei und keine furchtsame Leisetreterei in diesen Flammenworten des gotterfüllten Propheten des Reformjudentums! Seine Reden sind zündende Blitze, Lsammerschläge die den Felsen zerschmettern. Solche Feuerzunge führte ein Amos. Solch einem Gedankenschwung begegnet man nur noch in einer Rede des königlichen Jesaias. Und er durfte die Heuchelei geißeln und ihr die Maske der Frömmigkeit vom Gesichte reißen, weil er furchtlos genug war, als Rabbiner zu handeln, wie er lehrte und zu lehren, wie er handelte. Jede Heuchelei, jede Lüge auf den Lippen des frommen Beters, jedes Gebet um Dinge, an die der heutige Jude nicht mehr glaubt, erschien ihm als Gotteslästerung. Jedes Sichanklammern an tote Formen, während der Geist der Religiosität im Herzen erstorben, war ihm Götzendienst, und er scheute sich nicht über die „Rüchenreligion" und Aehnliches die Geißel zu schwingen, um, wie einer der großen Propheten, Gerechtigkeit und Gesinnungsadel an die Stelle der Formengläubigkeit zu setzen. Einhorn's Geist hat die sogenannte „Vermittlungstheologie" zu paaren getrieben und den Mann der Prinzipientreue und der Gesinnungstüchtigkeit zu Ehren gebracht. Das war freilich keine leichte Aufgabe, paulsen in seiner Ethik hat die feine Bemerkung: Den Lokriern war es Gesetz, daß wer die alten Satzungen ändern wollte, mit einem Strick um den Hals seine Reformvorschläge mache, und sollte es ihm nicht gelingen, seine Landsleute von der Berechtigung derselben zu überzeugen, so ward der Strick sein Todeswerkzeug. Die Geschichte verfährt umgekehrt: Erst kommt der Strick, das Märtyrertum des Reformators, und dann erst erfolgt die Ueberzeugung der Massen. Einhorn erfuhr das Los des Märtyrerhelden auch auf amerikanischem Boden. Schon bei seiner Ankunft verbündeten sich die Reform- und konservativen Rabbiner zu einer feierlichen Verpflichtung auf den Talmud als allein maßgebende Auslegung der Bibel. Einhorn und seine Gemeinde protestierten gegen diesen verrat an dem Prinzip des fortschrittlichen Judentums. Man erklärte ihn als Feind des Judentums, als Atheisten; nannte ihn einen Eisenmenger. Um so zuversichtsvoller nahm er den Rampf gegen die Scheinreform wie die Scheinorthodoxie auf der Ranzel wie in den sieben Jahrgängen der von ihm redigierten Monatsschrift „Sinai" auf, und scharte mit dem Losungswort: „Meine Brüder suche ich!" die Gleichgesinnten im Lande um sich. Seine entschiedene Stellungnahme gegen die fluchwürdige, Gottes Ebenbild lästernde Institution der Sklaverei und seine Geißelhiebe gegen Dr. Raphael, einer der Wortführer der Orthodoxie, der mit Hinweis auf die Bibel und die Codices die Sklaverei als göttliches Institut verteidigt hatte, brachten ihn beim Ausbruch des Rrieges mit dem Süden in Lebensgefahr, und er mußte mitten in der Nacht heimlich fliehen. Er schlug alsdann in Philadelphia seine Stätte auf, um auch da wieder mit der Hochburg der Orthodoxie in Zwist zu geraten. Endlich erreichte er das Ziel seiner wünsche, als er in der Newyorker- Metropole im Jahre 1(866 feine Wirksamkeit entfalten und im Jahre ^873 als&ann die älteste deutsch - jüdische Gemeinde mit der seinen verschmolzen sah. In Gemeinschaft mit seinem deutschländischen Rampfgenossen Samuel Adler in New-

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