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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 377

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 377 (sequence 17)
Language
German
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K. Köhler: Zum hundertjährigen Geburtstag Aarnd Eiuhsrn^s 377 ^8^7 angetreten, begann die Fürther Orthodoxie ihre Wühlereien und schmählichen Verdächtigungen von Neuem. Seine oberrätliche Entscheidung, daß ein unbeschnittenes Rind einer jüdischen Mutter auf alle Rechte und Privilegien des Juden Anspruch habe, auf Grund der rabbinischen Autoritäten abgegeben, ward der Anlaß zu Angriffen auf seine Amtsstellung sowohl von Seiten der Orthodoxen unter seinem Rabbinat, wie von Seiten des bekannten lutherischen Theologen und Iudenmissionärs Franz Delitzsch. Alle seine Bemühungen, zwischen den Freisinnigen und Orthodoxen Frieden durch gegenseitige Zugeständnisse herzustellen, erwiesen sich als fruchtlos. Die Regierung war hier, wie fast überall sonst, allen Neuerungen abhold. Einhorn nahm im Jahre \852 die auf Veranlassung Holdheims ihm angetragene Stelle als Rabbiner dsr Reformgemeinde zu pesth an, die ganz nach dem Muster der Berliner Reformgemeinde eingerichtet war, also am Sonntag ihren Gottesdienst und zwar bei entblößtem Haupte und vorzüglich in der deutschen Sprache abhielt. Seine Antrittsrede, weit davon entfernt, die Sabbatverlegung und die Abrogierung der Beschneidung seitens der Reformgemeinde als einen Triumph des Fortschrittes, wie man erwartet hatte, zu begrüßen, legte allen Nachdruck auf den lebendigen Glauben und die Lebenskraft des auch noch in vielen Zeremonien fortwirkenden Geistes des Judentums. Er kam aufzubauen, nicht zu zerstören, das vatererbe in Synagoge, Schule Und Haus zu befestigen und so die Neugeburt des Judentums, seine Verjüngung herbeizuführen. Allein das Schicksal der jungen Gemeinde, die unter den Stürmen der ungarischen Revolution in's Leben getreten war, die einen jungen politischen Freiheitsschwärmer mit Namen Ignatz Einhorn zum Prediger hatte und von den Konservativen allen als revolutionsfreundlich verdächtigt wurde, war, trotz aller Gegenvorstellungen Einhorn's bei der österreichischen Regierung, besiegelt. Der Tempel sowohl wie Dr. Einhorn wurde von Spionen bewacht, und nach einigen Monaten wurde die Tore des Tempels für immer geschlossen. Einhorn widmete nun seine unfreiwillige Muße der Darstellung der „Prinzipien des Mosaismus und dessen Verhältnis zum Heidentum und rabbinischen Judentum", worin er es unternahm, mit Zuhilfenahme der Schelling'schen Lehre von einer in mythologisch-symbolische Formen gekleideten Uroffenbarung und der Kreuzer - Bährschen Symbolik ein theologisches System des Judentums zu schaffen, das, zwischen dem ewigen Kern und der zeitlichen Schale scharf unterscheidend, dem großen Gotteinheitsgedanken wie der Idee vom M e n s ch e n als Gottesebenbild so gerecht wird, daß der Universalismus der jüdischen Wahrheit klar hervorleuchtet und Sünde wie Tod, alles vermeintlich Böse nicht, wie in der Kirche und teilweise im Talmud, als hemmende Mächte mehr erscheinen. Daneben aber arbeitete er an dem bereits in Schwerin begonnenen Meisterwerk seines Geistes, dem Gebetbuch für das moderne, seines messianischen Priesterberufs für die Menschheit sich bewußt gewordene Israel. So harrte er des Rufes, der an den wandernden Gottesmann erging: „Zieh hinweg von deinem Lande und deiner Geburtsftätte nach dem Orte, den Ich dir als der Verheißung Boden zeigen werde!" Im Jahre J855 folgte er dem Rufe der von hochgebildeten Deutschen gegründeten Har Sinai - Gemeinde zu Balttmore, und seine meisterhafte, jetzt zu Ehren der Linhornfeier in englischer Sprache veröffentlichte Antrittsrede enthält das Programm des amerikanischen Reformjudentums. Einhorn verlieh der gesamten Reformbewegung in Amerika Richtung, Ziel und ausgeprägten Tharakter. Er

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