Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 16 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 374 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Ar. mrd. Walther Lsqurur: Was bedeutet das liberale Judentum waren, heute aber unter der vollständigen Umwälzung aller Verhältnisse jedes mnern Sinnes und wertes entbehren und nur als gänzlich unnötiger, hemmender und darum schädlicher Ballast von uns weiter geschleppt werden. Rudimentäre Organe, das heißt Körperteile, die keine notwendige, lebendige Funktion im Organismus mehr besitzen, sucht die Natur abzustoßen; sie läßt sie verkümmern und allmählich verschwinden, denn sie verschieben das Gleichgewicht des Lebenshaushaltes zu Ungunsten der lebenswichtigen Organe, entziehen diesen Nahrung, Kraft und (Energie. Ganz analog sind auch die in heutiger Zeit überflüssigen Zeremonialgesetze nur geeignet, den Schwerpunkt des Judentums zu ungunsten seines eigentlichen hohen und hehren innern Wesens nach außen zu verlegen, den reinen, heiligen Charakter der jüdischen Religion zu trüben und herabzuziehen. Darum also fort mit allem nicht mehr Lebendigen undnichtmehrLebensfähigen! Mit einem einzigen, scharfen Schnitt trenne man diese rudimentären Organe vom lebendigen Körper des Judentums! Der einzige Chirurg aber, der diese Operation mit (Erfolg vorzunehmen befähigt wäre, ist wiederum jene erst zu schaffende, die liberalen Juden aller Länder repräsentierende Zentralinstanz! (Erst wenn von dieser Stelle aus urdl st ordl feierlich verkündet wird: Die Zugehörigkeit zum Judentum beruht nicht auf irgend einem äußeren Zeichen, ist nicht geknüpft an eine bestimmte Form der Lebensführung, ist unabhängig von der persönlichen Stellungnahme zu der von Menschen geschaffenen, historisch bedingten, allmählich gewordenen kirchlichen Hülle; Jude ist, Jude kann werden, wer sich zu der Idee eines ein -und einzigen Gottes, zur Idee des Sittlichen, als eines Lrscheinungs- und Ideenwelt umspannenden, tragenden und regierenden Prinzipes bekennt, wer diese Idee mit ganzer Kraft im eigenen Leben zu verwirklichen, sie der Zukunft weiter zu geben trachtet, — dann, erst dann haben wir in Wahrheit ein liberales Judentum! (Ein Judentum, innerm Wesen und äußererForm nach fähig, dem religionsfreundlichen und kirchenfeindlichen Zug der Zeit in gleicher weise zu genügen, die Juden aller wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Richtungen in sich zu fassen und festzuhalten! (Ein Judentum, das seine Bekenner in keinerlei Konflikt mit andern Wirklichkeiten des Lebens weder ideellen noch praktischen bringt, das ihnen gestattet, als gute, treue Söhne ihres Vaterlandes, allen ihren sozialen und staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen, ohne dabei religiöse Gebote zu verletzen. (Ein Judentum, das aus seiner äußeren (Erscheinung alle kleinen und kleinlichen, alle niedrigen und widrigen Züge gebannt und getilgt hat, das vor aller Welt aufleuchtet im blendenden Glanze seiner ewigen Wahrheit und Reinheit! Line mächtige Anziehungskraft wird dieses Judentum ausüben. Zunächst im eigenen Lager. Ls wird auch die freidenkendsten und aufgeklärtesten Juden, die es bekennen dürfen, ohne Furcht, in den eigenen oder fremden Augen rückschrittlich zu erscheinen, mit neuer Liebe und Begeisterung für ihre Religion erfüllen. Ls wird den Juden, die es ohne Linschränkung und Vorbehalt — mit Kern und Schale — bejahen können, da zwischen Lehre und Leben kein Zwiespalt jetzt mehr klafft, das