Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 16 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 373 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. med. Mattster Faqueur: Mas bedeutet das liberale Judentum 373 zentralen jüdischen Instanz als eine Lebensfrage für das liberale Judentum und damit für das Judentum überhaupt bezeichne. Es gibt heute wohl viele, sehr viele liberale Juden, in Westeuropa und Amerika bilden sie die erdrückende Majorität innerhalb der Iudenheit — aber es gibt kein liberales Judentum! Offiziell leben wir liberalen Juden alle entgegen den Geboten unserer Religion. Wir gelten nicht blos in den Augen unserer orthodoxen Glaubensgenossen als Gesetzesübertreter, sondern auch den Christen erscheinen wir, müssen wir als Leute erscheinen, die sich über die Vorschriften ihrer Religion einfach hinwegsetzen, sich womöglich über sie lustig machen, sie verachten. Gar viele Christen glauben, das Judentum bestehe im Roscheressen, im Nicht- Fahren oder Schreiben am Schabbos usw. Wer in der kleinen Stadt lebt, wird dieser Auffassung sicherlich oft genug und nicht nur bei den Ungebildeten seiner christlichen Mitbürger begegnet sein. Und müssen denn die Andersgläubigen nicht so vom Judentum denken und folgerichtig die gering achten, die sich um seine Vorschriften nicht kümmern und doch Juden sein wollen? Rönnen sie unserer Verteidigung: „Diese Äußerlichkeiten gehörten gar nicht zum Wesen des Judentums", nicht sehr wirksam mit dem Argument begegnen: warum werden sie denn dann von so vielen, auch freidenkenden Juden und vor allem von den liberalen Rabbinern befolgt? Es ist dies in der Tat ein ganz unhaltbarer und durchaus unwürdiger Zustand. wer das „Gesetz" für göttlichen Ursprungs und ewig verbindlich erklärt, seine Uebertretung für sündhaft hält, der befolge es! wer glaubt, daß das Festhalten am „Gesetz" für die Erhaltung des Judentums notwendig und unentbehrlich ist, der weiche nicht einen Schritt vom Wege der Ueberlieferung! wer aber der Ueberzeugung ist, daß das „Gesetz" von Menschen für Menschen, in der Zeit für die Zeit geschaffen ist, daß seine Befolgung weder den Einzelnen im mindesten besser, frommer, sittlicher macht, noch der Allgemeinheit im geringsten nütze, ja zum Teil womöglich schade, der streife die wertlos gewordene Schale ab, damit der unvergänglich leuchtende Rern um so Heller erstrahle! Und muß jeder einzelne liberale Jude so handeln, um für seine Person Leben und Lehre in Einklang zu setzen, so haben unsere Rabbiner, die uns mutig und besonnen voranschreiten sollen, die doppelte Pflicht, in ihrer eigenen Lebensführung das Judentum wie sie und wir esauffassenund bekennen, zum Ausdruck zu bringen und ihm so die gebührende Stellung und Achtung bei Juden und Christen zu verschaffen. Garnichts jedoch hülfe es, wollte jeder einzelne Rabbiner für sich allein Vorgehen und handeln, wovor fast alle sich nicht ohne Grund scheuen. Alle gemeinsam aber könnten und müßten die j)arole ausgeben: Fort mit den gesamten Speisegesetzen, fort mit den Vorschriften über die äußere Sabbatheiligung, fort auch mit der Beschneidung, sofern sie ein religiöses Symbol, eine unerläßliche Bedingung für die Zugehörigkeit zum Judentum bedeutet. Hier handelt es sich nicht um Bestimmungen, die das Leben der Gesamtheit regeln, wie bei den Gottesdienst- und Festesfragen, bei denen mit Rücksicht auf ihre einende, kittende Rraft ein mehr konservatives Verfahren angezeigt war. Hier handelt es sich lediglich um Vorschriften und Gesetze, die die persönliche, private Lebensführung des Einzelnen betreffen, um Bestimmungen, die einstmals aus allgemeinen, sozialen oder hygienischen Motiven erlassen, zum Teil äußerst nützlich und zweckmäßig