Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 16 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Ar. rrred. Mslther Laqueur: Mas bedeutet das liberale Judentum feier am Sonnabend nächst der hebräischen Sprache wohl das stärkste äußere Band der Iudenheit darstellt. Nach alledem bedarf also grade die Sabbatfrage der gewissenhaftesten und peinlichsten Prüfung, und vielleicht wird sie nicht überall einheitlich zu lösen sein. Solange es irgend angeht, sollte jedenfalls der Sonnabend von uns Juden beibehalten werden und mit ihm vor allem der „FreitagAben d", jene köstliche, den jüdischen Familiensinn so herrlich verkörpernde Einrichtung, die nach meiner Meinung von der allergrößten Bedeutung für die ganze Zukunft des Judentums ist. Denn am „Freitag Abend", wenn er richtig, sinnentsprechend gehalten wird, muß — mehr noch wie im Religionsunterricht — unseren Rindern die Erkenntnis ihres Judentums erschlossen, die Liebe und Begeisterung fürs Judentum eingeflößt, der Stolz auf ihr Judentum erweckt werden. Beim Gottesdienst am Sabbat selbst — Freitag Abend kann er vollkommen entbehrt werden — sind natürlich, was Zeit und Dauer anlangt, die weitgehendsten Zugeständnisse an die Anforderungen des bürgerlichen Lebens zu machen; die mehr als \50 Paragraphen der äußern Sabbatheiligung, die der innern häufig gradezu entgegenstehen, — man denke nur an das Verbot des Fahrens! — sind einfach aufzuheben. Nöttgenfalls wird man auch zu Rompromisfen gezwungen sein, z. B. zur Einrichtung des doppelten Gottesdienstes am Sonnabend und Sonntag. Bei allen diesen durch die Sabbatfrage veranlaßten Erwägungen tritt so recht deutlich zu Tage, wie dringend notwendig die Einführung einer Neuerung ist, die Schaffung einer obersten Zentralinstanz, die auch kirchliche Fragen zu prüfen und zu entscheiden hätte. Jeder Verein, jedes Gemeinwesen, es fei noch so klein, bedarf einer Vertretung, braucht Organe zur Führung seiner Geschäfte. Und eine Millionen umfassende religiöse Gemeinschaft sollte zur Ausgestaltung und Fortentwickelung ihrer kirchlichen Einrichtungen solcher Organe entraten können? Und noch dazu in einer Zeit., wie die unsere, die mit Fug und Recht eine kritische genannt wird, in der die schwierigsten Aufgaben ihrer Erledigung, die wichtigsten Fragen ihrer Lösung harren! Für uns liberale Juden gilt es nur, die schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in .Gestalt verschiedener Synoden eingeschlagene Methode, wieder aufzunehmen. Aber auch die strengste Orthodoxie, meine ich, könnte sich diesem Beginnen nicht widersetzen, ohne sich in einem wesentlichen Punkte selbst zu widersprechen. Sind doch mindestens die gesamten nachbiblischen Gesetze und Vorschriften in allmählicher Entwickelung durch bedeutende Männer und ihre Schulen zustande gekommen! wie also ließe sich seitens der Orthodoxie der Satz widerlegen, daß was in früheren Zeiten recht und billig, zulässig und notwendig war, in heutiger Zeit unmöglich unrecht und sündhaft, überflüssig und schädlich sein könne? Die Schaffung einer allgemeinen internationalen Organisation erscheint aber nicht nur als unumgängliche Voraussetzung für die gedeihliche Fortführung der äußeren Reformen, auch in andrem Sinne würde sie überaus segensreich wirken. Eine Zentralinstanz aller Zuden oder wenigstens der liberalen Juden aller Länder würde ein neues mächtiges Bindeglied der Zudenheit darstellen, einen vollwertigen Ersatz bilden für so manches einigende Band, das wie z. B. die hebräische Sprache, die überall gleichzeitige Sabbatfeier, u. a. m. im Laufe der Entwickelung doch vielleicht verloren gehen wird. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich die Schaffung dieser obersten und