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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 371

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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Ar. mrd. Walther Faqneur: Mas bedeutet das liberale Judentum 371 nähme mit dem Verstände vollständig einsähe. Aus dem gleichen Grunde wäre ich, um ein Moment von ganz untergeordneter Bedeutung beiläufig zu erwähnen, gegen die Aenderung der Sitte, im Gotteshause bedeckten Hauptes zu erscheinen. Da wir in unserer Synagoge unter uns sind, so hat das Abweichende dieser Form religiöser Verehrung absolut nichts Auffallendes oder Störendes an sich, und ihre Abschaffung könnte, wiewohl natürlich nicht das geringste innere Bedenken dagegen zu erheben wäre, als „äußere Nachäffung" von Juden und Christen falsch gedeutet und unliebsam empfunden werden. Sicherlich wird einmal die Zeit kommen — hoffentlich ist sie nicht gar zu fern mehr — wo zwischen Juden und Christen ein natürliches, von jeder Animosität freies Verhältnis herrschen wird. Dann werden solche Maßnahmen äußerer Assimilierung, ohne jedes Bedenken, auf einer der beiden Seiten mißverständlicher Auffassung zu begegnen, vorgenommen werden können, während man mit ihrer Einführung heute nur der allmählichen, langsamen Entwickelung vorgreifen würde, ohne einen entsprechenden Vorteil dadurch zu gewinnen. Etwas anders liegen die Dinge bei der Sabbatfrage, die wohl mit das schwierigste Problem darstellt, das seine Lösung von der Reformtätigkeit der liberalen Bewegung erwartet. Hier würde die Verlegung auf den Sonntag, den bürgerlichen Ruhetag, zweifellos große Vorteile mit sich bringen, vor allem der Sabbatfeier selbst zu Gute kommen. Ist es doch der Mehrzahl der westeuropäischen und amerikanischen Juden schlechterdings unmöglich, ohne arge Verletzung anderer, schwerwiegender sozialer und beruflicher Pflichten, am Sonnabend den Sabbat seinem innern Sinne entsprechend zu begehen. Auch steht vom Standpunkt des liberalen Judentums der Verlegung auf den Sonntag nicht das geringste Bedenken entgegen. Es ist völlig gleichgiltig, welchen Tag der Woche wir vor allen andern dadurch auszeichnen, daß wir ihn zum Ruhe- und Festtag erheben. Der Sinn dieser spezifisch jüdischen Schöpfung, in der die jüdische Idee wohl ihren wundervollsten Ausdruck gefunden hat, beruht gewißlich nur darin, daß wir in regelmäßiger und nicht zu seltener Wiederkehr, dem gewöhnlichen Leben, wie es uns täglich und stündlich umflutet, mit all seinen Niedrigkeiten und Widrigkeiten, für eine weile entfliehen sollen, daß wir uns sammeln und auf uns selbst besinnen, über unser wahres Sein, unser Verhältnis zum großen All, unsere Bestimmung als Mensch und Jude Nachdenken, daß wir aus der materiellen in eine ideelle Welt flüchten sollen, um aus ihrer Reinheit und Erhabenheit — sei es durch freigewählte geistige Arbeit, sei es durch Kunst- oder Naturgenuß, sei es durch befreiende Selbstprüfung — Trost, Mut und Kraft für die kommenden Tage zu schöpfen, in denen wir das harte Joch des unerbittlichen Daseinskampfes wiederum auf uns nehmen müssen^ Auf der andern Seite aber fallen alle die oben angeführten Gründe gegen ein allzu großes Asfimilierungsstreben, Institutionen der christlichen Kirche gegenüber, hier bei der Sabbatfrage doppelt ins Gewicht, da ja seiner Zeit, wenn auch vor vielen Jahrhunderten, von den Christen der Ruhetag vom Sonnabend auf den Sonntag verlegt wurde, um die Gegensätzlichkeit zum Judentum ganz besonders scharf zu betonen, wenn nun wir Juden jetzt unsererseits die Sabbatfeier auf den Sonntag festsetzten, so könnte man im buchstäblichen Sinne von einem „Nachlaufen" sprechen. Auch kommt hier in Betracht, daß die allen Juden gemeinsame Sabbat-

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