Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 16 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Nr. mrd. Walther Faqueur: Was bedeutet das liberale Judentum jeder Individualität, „gemeinfamesGeb et" erscheint mir daher an sich wie ein innerer Widerspruch, eine oontraätotio in Läzeeto. Die jüdischen Feste, mögen ruhig beibehalten werden, wie sie durch die Jahrtausende gefeiert wurden. Daß die Doppel- und Zwischenfeiertage, deren Einrichtung in den alten Zeiten des jüdischen Staates sehr zweckvoll und verständlich war, heute gänzlich überflüssig, wertlos und daher abzuschaffen sind, bedarf wohl kaum einer näheren Erläuterung. Ihre Beseitigung würde weder der jüdischen Idee, noch deren Verkörperung, dem jüdischen Gemeinschaftsbewußtsein und Zusammenhalt den geringsten Abbruch tun. Ebenso selbstverständlich ist es, daß der historische Anlaß des Oster-, Wochen-, Laubhütten- und Chanukahfestes für uns nicht mehr die gleiche Bedeutung, wie vor 2 Jahrtausenden haben kann, und daß dies in der gottesdienstlichen Ordnung der betreffenden Feste zum Ausdruck kommen muß. Wohl ist die Geschichte des jüdischen Volkes und Staates feit vielen Jahrhunderten abgeschlossen, die Geschichte des Judentums aber bildet eine ununterbrochene, bis auf den heutigen Tag reichende Rette der Entwickelung und weist gewißlich Momente genug auf, die mindestens von ebenso einschneidender, weittragender Wirksamkeit sind, wie jene uralten Ereignisse, an die unsere Feste, von ihrer andern, natürlichen Bedeutung abgesehen, ursprünglich anknüpfen. So ist z. B. die Emanzipation der Juden in Westeuropa eine uns und die kommenden Generattonen äußerlich und innerlich weit stärker .berührende geschichtliche Tatsache, als die Siege der Maccabäer vor mehr als 2000 Jahren. Trotz dessen ist aber, um jenes historische Geschehnis von unübersehbarer Tragweite dem Bewußtsein der Gegenwart und Zukunft lebendig zuerhalten, durchaus nicht etwa die Einsetzung eines neuen, besonderen Festtages nöttg. Bietet sich doch ein naturgemäßer Ausgangs- und Anknüpfungspunkt in unserem Chanukahseste, das nur richtig ausgestaltet zu werden braucht, um der historischen Bedeutsamkeit der modernen Befreiung gerecht zu werden. In analoger weise erscheint das wochenfest, dessen geschichtlicher Untergrund die Gesetzgebung am Berge Sinai bildet, am geeignetsten, das Ljauptfest der „jüdischen Idee", wie sie die moderne Iudenheit auffaßt, zu werden. An diesem Tage müßte ganz besonders das Wesen des Judentums, feine Bedeutung in der Vergangenheit, seine Rolle in der Zukunft, die äußeren und inneren Verpflichtungen, die es seinen Bekennern auferlegt, betont und gewürdigt werden. Beim Oster- und Laubhüttenfest ließe sich dann speziell der Tharakter als Naturfest, als Frühlings- und Herbstfeier hervorkehren, völlig unangetastet in ihrer erhabenen innern würde, nur in der äußeren Form des Gottesdienstes nach obigen Gesichtspunkten modifiziert, blieben die beiden höchsten jüdischen Feiertage, das Neujahrs- und versöhnungsfest. Aeußerst zweckmäßig und wünschenswert, wiewohl nicht durchaus erforderlich, wäre es, wenn wir jedes dieser Feste alle Jahre am gleichen Termin feierten. Dagegen bin ich meinem persönlichen Empfinden nach ganz und gar gegen eine Gleichlegung unserer Feste mit denen der Christen. Ls hieße das ganz unnötigerweise den Anschein erwecken, als wolle man „den Christen nachlaufen"; und gewiß würde sich mancher völlig freidenkende Jude durch die Verlegung des Chanukafeftes z. B. auf das christliche weihnachtsfest in seinem Empfinden verletzt fühlen, wenn er auch die theorettsche Berechtigung, ja sogar die prakttsche Zweckmäßigkeit dieser Maß-