Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 16 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. med. Walther Fsqueur: Mas bedeutet das tibrratr Judentum 369 Was bedeutet das liberale Judentum für unsere Zeit? Von Dr. med. Walther £aqueur-Bad €ms. (Schluß.) IV. achdem ich in meinen bisherigen Ausführungen das Verhältnis des „Liberalen Judentums" zu Philosophie und Wissenschaft, zu andern Glaubenslehren und zur jüdischen Orthodoxie besprochen habe, bleibt mir nun noch übrig, etwas spezieller auf die praktische Reformtätigkeit des Liberalismus einzugehen. Natürlich muß ich in dem mir zu Gebote stehenden Rahmen von vornherein darauf verzichten, irgend etwas Abschließendes oder Erschöpfendes zu bieten, muß mich bescheiden, nur einiges Wenige herauszugreifen, gewissermaßen die Gesichtspunkte aufzuzeigen, die meiner persönlichen Ansicht nach bei einer Reform maßgebend sein sollten.*) Mit das stärkste und wirksamste Band, das für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft gedacht werden kann, ist unzweifelhaft die Sprache. Es wäre daher im Sinne des engen Zusammenschlusses aller jüdischen Elemente dringend zu wünschen, daß das hebräische als die allen Juden und nur den Juden gemeinsame Sprache wenigstens beim Gottesdienst beibehalten werden könnte. Es hieße aber, den Wunsch zum Vater des Gedankens machen, wenn man an diese Möglichkeit ernsthaft glaubte. Der unumstößlichen Tatsache gegenüber, daß die geistige Ueberlastung der Zugend immer mehr und mehr zunimmt, daß es immer mehr an Zeit und Kraft fehlt, nur •) 3nt übrigen möchte ich nicht verfehlen, an dieser Stelle auf die sehr lesenswerten Ausführungen besonders hinzuweisen, die unter dem Titel „Gedanken eines Laien über das Judentum" in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zwischen 6. XI. 08 u. 26. II. 0g vom Rabiner Dr. Ziegler in Karlsbad veröffentlicht worden find. den nötigsten Bildungsstoff zu bewältigen, muß, da es anders eben nicht geht, freiwillig darauf verzichtet werden, die hebräische Sprache zum obligatorischen Lehrgegenstand für die jüdische Zugend aller Länder und Nationen zu machen, und demgemäß rnuß auch der Gottesdienst durchaus in der betreffenden Landessprache abgehalten werden; denn daß er in allen seinen Teilen allen, die ihm beiwohnen sollen, verständlich sein müsse, das ist doch wohl die erste und unerläßlichste Bedingung. Eine zweite, an einen modernen Gottesdienst zu stellende Anforderung ist die, daß er kurz fei und nie — auch an hohen Festtagen nicht — ermüdend, daß er durch alle dem Zweck angemessenen Mittel, die Kunst uns an die Hand gibt, durch eine würdige, wenn auch einfache Ausstattung des Gotteshauses, durch ernste, weihevolle Musik, durch geistige Anregung eine hehre Festesstimmung in eines Zeden Seele Hervorrufe. Abgesehen von predigt und Bibelvorlesung sollten beim öffentlichen Gottesdienst ruhig auch andre bedeutende religiöse, philosophische, ethische Schriften über das Zudentum herangezogen werden; aus ihnen würde der moderne Mensch gar häufig sicherlich eine größere Ausbeute an Anregung, Erbauung und Belehrung schöpfen, als sie die Bibel allein trotz ihres von keinem andern Erzeugnis der Weltliteratur übertroffenen Reichtums an edelster geistiger und seelischer Kost zu bieten vermag. Gemeinschaftliche Gebete sind auf ein Mindestmaß zu beschränken. Es können viele wohl zu gleicher Zeit am gleichen Ort im gleichen Sinne beten, nicht aber auch in genau der gleichen Form. Gebet ist die intimste persönlichste Aeußerung