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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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Gedanken über religiösen Liberalismus 365 Schulzeit. Denn grade hier stoßt das Jugendliche Fassungsvermögen auf Schwierigkeiten, denen erst ein gereifterer Geist gewachsen ist. Soll also die Religion in ihrem ganzen Umfange erfaßt werden, so müssen auch die Erwachsenen religiöse Belehrung empfangen. Diese Aufgabe ist von der Ranzel herab, durch Vorträge und populäre Schriften zu erfüllen, welcher religiös Interessierte unter uns kennt nicht die „Religionsgeschichtlichen Volksbücher", oder auch die in der Sammlung „Wissenschaft und Bildung" erschienenen Bändchen, in denen von den bekanntesten protestantischen Forschern die Ergebnisse der religionsgeschichtlichen Wissenschaft in populärer Form dargeboten und in die weitesten Rreise getragen werden. Gehet hin und tut desgleichen! rufen wir den jüdischen Gelehrten zu! Ferner: Gründet vereine, in denen ihr die Erwachsenen um euch schart, um sie in mündlichem Vortrage, oder besser in vortragsreihen in das liberale Judentum einzuführen, und belebt so wieder das alte „Thorastudium". Doch auch auf der Ranzel soll und muß der liberale Geist verspürt werden, wenn es euch Ernst ist um die liberale Bewegung. Ob die neue religiös-fortschrittliche Bewegung im Judentum sich in den richtigen Bahnen bewegt, dafür muß es schon in den nächsten Jahren einen untrüglichen Maßstab geben: die liberale Religionsgemeinde, oder das religiöse Leben innerhalb der liberalen Religionsgemeinde. Besitzt der liberale Gedanke, d. h. der Gedanke der Entwicklungsfähigkeit des Judentums religionsbildende Rraft, dann muß er in den Gliedern der Gemeinde lebendig sein, dann muß er in der freudigen, eifrigen Betätigung am öffentlichen religiösen Leben der liberalen Gemeinde zum Ausdruck kommen, wirklicher religiöser Liberalismus und Indifferentismus schließen sich gegenseitig aus. Es liegt im Wesen aller lebenskräftigen Religionsbekenntnisse, daß sie gemeindebildend sind, daß sie also ihre Bekenner zur gemeinsamen Religionsübung einen. In der gemeinsamen Religionsübung tritt erst die Religionsgemeinde in Erscheinung; verbürgt wird diese Gemeinsamkeit durch das Bedürfnis der einzelnen Glieder der Gemeinde nach gemeinsamer Religionsübung. Dem darf, dem kann sich niemand entziehen, der wert darauf legt, zur Gemeinde gerechnet zu werden. Alle Erfahrung lehrt, daß diejenigen, die sich von den gemeinsamen Religionsübungen fernhalten, entweder religiös ganz indifferent oder aber wenigstens dem betreffenden Bekenntnisse entfremdet sind. Dies gilt auch für die häusliche Religionsbetätigung. Denn hier besteht auch das Bewußtsein der Gemeinsamkeit: Ich weiß, diese Feier begehen heute mit mir in ihren Däusern in derselben weise tausende meiner engeren Glaubensgenossen. Derjenige, der sich von den gemeinsamen Religionsübungen fern hält, kann ebensowenig religiös-liberaler, wie orthodoxer Jude genannt werden. Noch in einer anderen Erscheinung wird sich der liberale Gedanke bewähren müssen, wenn er in dem Einzelnen zur religiösen Ueberzeugung geworden ist: Es muß für den religiös-liberalen Juden religiöse Gewissensbedenken geben, wie sie bisher nur der Orthodoxe hatte. Dem liberalen Vater muß es ein u n e r - träglicher Gedanke werden, sein Rind an einem orthodoxen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Allerdings wird sich das auch nach 'der positiven Seite hin darin zeigen müssen, daß kein Rind der liberalen Gemeinde ohne religiöse Unterweisung bleiben darf. Ueber die notwendige Teilnahme am Gottesdienste ist schon oben unsere Ansicht ausgesprochen. Freilich hat all dies zur unerläßlichen Voraussetzung die Anstellung wahrhaft liberaler Religionslehrer und Rabbiner, die Anstellung von Männern,

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