Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 16 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Gedanken über religiösen Liberalismus nisse der Wissenschaft", auf die man bauen kann, philologische Untersuchungen sind selbstverständlich auszuschalten. Ueber diesen Punkt äußert sich treffend in den „Monatsblättern f. d. evang. Religionsunterricht" (No. (2, (908) Professor Lic. Niebergall in Heidelberg. Er sagt: „Kritik im Religionsunterricht!" „-Line Analogie sei hier herangezogen, nämlich die Bekämpfung der Pocken durch die Impfung. Diese besteht doch darin, daß man die Krankheit zu verhüten sucht, indem man den Mrganismus durch die absichtliche, planmäßige Lrweckung derselben Krankheit im kleinen dagegen immun macht, was die Krankheit selbst bedeutet, das ist jedem an sich und andern bekannt: es ist die plötzliche Ueberrumpelung mit dem bösen Geist der Kritik, die schadenfroh der Heranwachsenden Jugend alles, was ihr wertvoll und eine Stütze sein sollte, verekelt und zerstört. Auf dem Wege der Ansteckung durch Schriften wie „Die Bibel in der Westentasche" oder durch böse Genossen kommt sie an jeden heran, wo sie in ein ungeschütztes Herz einfällt, da gibt es böse Verheerungen. Denn mit den Trägern der großen werte, ja auch mit den Nebengedanken und zufälligen Begleitvorstellungen fallen die werte selbst, also die großen tragenden Ueberzeugungen und Ideale gar oft dahin. Darum soll man sich doch ja nicht dagegen sträuben, die Kritik durch die Kritik unschädlich zu machen; denn die erste Lnttäuschung ist besser als die zweite, und die Aufklärung durch eine gütige Hand besser, als die durch eine böse. Ls ist Barmherzigkeit, den Kindern die Wahrheit zu sagen;es ist Unbarmherzigkeit, sie ohne solchen Schutz ins Leben gehen zu lassen. Ich möchte nicht die Verantwortung tragen, die jener höhere Schulbeamte zu tragen hat, der gerade der Kritik gegenüber auf eine um so strengere Betonung der buchstäblichen Wahrheit drang. Gewiß, man muß und kann die Beweggründe solcher Leute und ihre gute Meinung verstehen, wenn sie vor allem der mittelständischen und bäuerlichen Bevölkerung, auf die unsere konservative Politik ja zum Teil eingestellt ist, glauben. ihre altgewohnte Glaubensweise erhalten zu müssen. Allein, man macht sich doch wohl zu gern ein Bild von diesen Kreisen, das mehr den eigenen wünschen, als der Wirklichkeit entspricht. Und weiß man denn nicht, wie schrecklich der Gegenschlag gegen die alte orthodoxe Auffassung in der werktätigen und irr der sogenannten gebildeten Bevölkerung ist? Und diese Kreise gehören doch auch zum Volk." Vorstehende Ausführungen mögen an dieser Stelle genügen, um die Bibelkritik in ihrer Bedeutung für den Religionsunterricht zu würdigen. Nur noch eins möchte ich betonen: Der Bibelkritik kann für den Religionsunterricht nur der einen solchen wert beimessen, der in der Bibel selbst die Grundlage allen Religionsunterrichts erblickt in Uebereinstimmung mit der „Erklärung" der deutschen Rabbiner: „die heilige Schrift, welche Gemeingut der ganzen gesitteten Welt geworden ist, bildet die G r u n d l a g e für die Lehre des Judentums." Die Verwertung der Ergebnisse der Bibelwissenschaft kann darum nur so gedacht sein, daß sie das Ansehen der Bibel nicht schmälert, sondern erhöht und die Jugend gegen die versuche festigt, die Bibel in Wirklichkeit zu entwerten. Nicht um ein Hineintragen der Streitfragen der Gelehrten in den Religionsunterricht handelt es sich, sondern, ganz wie es schon längst in selbstverständlicher Weise in anderen Unterrichtsgebieten geschieht, um ein taktvolles, vorsichtiges Verweben anerkannt gesicherter Ergebnisse in den historischen Religionsunterricht. wenn auf irgend einem Wissensgebiete, dann bedarfs auf dem des Religionsunterrichts der Fortbildung nach der