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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 363

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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Gedanken über religiösen Liberalismus 363 Line notwendige Ergänzung hierzu würde eine streng wissenschaftliche Zeitschrift) bilden müssen, in der der freien jüdischen theologischen Forschung eine würdige Stätte bereitet ist, ohne daß sich natürlich die Gelehrten von der Mitarbeit an nichtjüdischen Zeitschriften fernhalten dürften. Die Arbeit der Religionswissenschaft erlangt, wie alle Wissenschaft, erst dann ihren wahren Wert, wenn ihre Ergebnisse der Hebung der Volksbildung, hier also der Läuterung der Religion, der Klärung der religiösen Weltanschauung in den breiten Volksschichten dienen. Der von der Wissenschaft herauszuarbeitende Gedanke, daß alle Religion, auch das Judentum, ein Ergebnis vieltausendjähriger Entwicklung ist und fernerhin in ihrem eigenen Interesse entwicklungsfähig bleiben muß, dieser Gedanke muß nun seine religionsbildende Kraft bewähren und sich auch in dieser Einsicht dem orthodoxen Religionsgedanken als völlig gleichwertig erweisen. Und hier ist es nun, wo für die Jugend der Religionsunterricht, für die Erwachsenen die Popularisierung der wissenschaftlichen Ergebnisse in Vorträgen, predigten, Zeitschriften rc. einzusetzen haben. Die Aufgabe des Religionsunterrichts ist im „Programm" der liberalen jüdischen Vereinigung sehr gut präzisiert: „Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die Entwicklungsfähigkeit des Judentums anerkennt, dadurch die Schüler mit Liebe zum Judentum erfüllt und sie nicht in Gegensatz zum Elternhause bringt." Man hätte noch hinzufügen können: „und *) Sie wäre vielleicht mit der vorliegenden Zeitschrift in Form einer rein wissenschaftlichen Beilage zu vereinigen. Anm. d. verf. sie vor der im späteren Leben so oft eintretenden religiösen Enttäuschung bewahrt". Man darf wohl als selbstverständlich annehmen, daß die Verfasser des Programms zu den „zu berücksichtigenden gesicherten Resultaten der Wissenschaft" auch die gesicherten Ergebnisse der Bibelwissenschaft rechnen, denn anders kann „die Entwicklungsfähigkeit des Judentums" gar nicht dargestellt werden, und ich habe zu den Männern, die an der Wiege der neuen Bewegung standen und stehen, das vertrauen, daß sie ein solches Programm nicht veröffentlicht hätten, wenn sie dasselbe nicht gründlich durchdacht, für alle seine Punkte die Konsequenzen klar überschaut hätten und gewillt wären, es zu verwirklichen. An der Notwendigkeit der Bibelkritik im Religionsunterricht ist also festzuhalten. vor allem muß die feststehende Tatsache berücksichtigt werden, daß sich in der Bibel verschiedene Stufen der Entwicklung der religiös-sittlichen Ideen fest stellen lassen. Nicht alles steht auf der gleichen Höhe. Manches ist aus der Zeit und für die Zeit geschrieben. Das fällt auch einem Primaner schon auf. Lin erwachsener Mensch kann die Bibel überhaupt nur würdigen, wenn er sie kritisch würdigt. Schon diese Tatsache allein zwingt zur Erörterung der Bibelkritik in den Dberklassen der höheren Lehranstalten. Dazu kommt aber noch die andere Tatsache, daß die evangelischen Schüler dieser Klassen ganz selbstverständlich in die Bibelkritik ein- .geführt werden. Schon durch ihre evangelischen Mitschüler erfahren also die jüdischen Schüler, daß es eine Bibelkritik gibt. Ueber das Maß der Bibelkritik wäre schon eine Einigung zu erzielen. Selbstverständlich ist äußerste Vorsicht geboten. Aber es gibt auf diesem Gebiete der Wissenschaft ebensogut wie auf jedem anderen „feststehende Lrgeb-

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