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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. Seite 362

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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362 Gedanken über religiösen FikrrsUsrnus wächst nun der Theologie vielleicht ihre wichtigste Aufgabe, nämlich die: eine andere Grundlage für eine jüdisch-religiöse Weltanschauung auszurichten. Dem orthodoxen Prinzip von der göttlichen Autorität der Tradition ist der Entwicklungsgedanke als gleichwertig gegenüberzustellen. Wer sich gewöhnt hat, die Religion in entwicklungsgeschichtlichem Sinne zu betrachten, weiß, daß gerade die Idee der Entwicklung und weiteren Entwicklungsfähigkeit aller Religion dem starren Autoritätsgedanken weit überlegen ist. Diese Betrachtungsweise erst vermag Klarheit über die ÜZuelle der Religion zu schassen und ihr ihren befruchtenden Einsluß aus das menschliche Gemüt und die menschliche Kultur zu sichern. Der Glaube an das „Gotteswort" in orthodoxem Sinne, also an die persönliche, wörtliche Inspiration durch Gott ist nur möglich bei dem Vorhandensein starker anthromorphistischer und heidnischer Elemente im orthodoxen Gottesbegriss. Die Theologie wird in ihrer Religionsphilosoxhie trachten müssen, den Gottesbegriss von allen Anthropomorphismen zu befreien und ihn so dem wahrhaft jüdischen Gottesideal wenigstens näher und näher zu bringen. Die annähernde Erreichung eines solchen Gottesideals wird es auch vermögen, gar viele von denen, die dem eigentlichen Gottesgedanken entfremdet wurden, wieder zu dem jüdischen Gotte zurückzusühren. Sie lehrt die Tatsache als naturwissenschaftliche Notwendigkeit erfassen, daß zu allen Zeiten die Weltanschauungen ganzer nationaler Gemeinschaften, ja, ganzer verwandter Völkergruppen stets in die diesen Völkern adäquate Form eines religiösen Bekenntnisses gekleidet waren und in dieser Form Bestand hatten, den historischen Verlaus beeinflussend und von ihm wieder beeinflußt, während die sogenannten aufgeklärten, aus einer rein philosophischen Betrachtungsweise hervorgegangenen, also mehr künstlich aufgebauten Welttheorien, immer aus eine kleine Anhängerschaft beschränkt und verhältnismäßig kurzlebige Erscheinungen geblieben sind. Gelingt es der Theologie, diese Gedanken in überzeugender weise herauszuarbeiten, so wird damit viel gewonnen sein. Dann wird auch dem Gebildeten das religiöse Moment, und zwar in jüdischem Gewände, wieder wert für seine Weltaussassung erlangen. Der erste und wichtigste Schritt, ihn am Judentum wieder lebendigen Anteil gewinnen zu lassen, wäre damit getan. wie aber wird eine unabhängige, freie theologische Forschung gewährleistet? Wenn freie, unabhängige Männer sich ihr widmen. Die Tatsache, daß die jüdisch-wissenschaftliche Forschung heute zum allergrößten Teile in den fänden praktischer Theologen, d. h. von Rabbinern in Amt und Würden, liegt, legt ihr enge Fesseln an. Darüber braucht kaum ein Wort verloren zu werden. Damit soll diesen Männern auch nicht der leiseste Vorwurf gemacht werden, nicht sie trifft die Schuld, sondern das System. Bis auf ganz wenige Fälle erweist sich das Amt des praktischen Theologen als ganz ungeeignet, eine wissenschaftliche Theologie wenigstens zu inaugurieren und dann auf der Höhe zu halten. Hier kann nur eine unabhängige jüdische Fakultät Helsen, d. h. eine Institution, an der Gelehrte in völliger wirtschaftlicher und amtlicher Unabhängigkeit lediglich der freien Forschung sich widmen, und ihre Ergebnisse der studierenden Jugend vermitteln. Sie ist als Ergänzung einer theologischen Universitätssakultät und darum nur in einer Universitätsstadt zu denken. Erst das Bestehen solcher Institutionen wird auch die wissenschaftliche Arbeit der Rabbiner und Religionslehrer zu stützen und wahrhaft fruchtbar zu gestalten vermögen.

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