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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 16 (1909) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
16 (1909)
Date
1909-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Liberales Judentum JTlonatsfchrift für die religiösen Interessen des Judentums Kerau5gegeden von äer Vereinigung kür das liberale Judentum in veutlcKIand unter 6er Redaktion von Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. ITl. No. 16. Jahrgang 1. 1909. Gedanken über religiösen Liberalismus. Von einem Schulmann. (Schluß.) Daß das Judentum hierbei zu kurz kommen, durch die „Wahrheit" verdunkelt werden könne, davor bangt mir nicht. Denn schon aus der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ergibt sich, daß eine uralte geistige Rulturmacht, die wie das Judentum sich durch alle Widrigkeiten hindurch bis heute lebensfähig und kraftvoll erhalten hat, eben aus Naturnotwendigkeit durch kulturgemäße, also erhaltende Eigenschaften besteht. Berufeneren Federn mag es Vorbehalten sein, für Ziel und Arbeitsweise der jüdischen Theologie einen ausführlichen j)lan aufzustellen, fjier sei nur auf einige, wie mir scheint, Hauptpunkte hingewiesen. vor allem muß die Bibelforschung auch auf jüdischer Seite mit Eifer ausgenommen werden, aber im Geiste wahrer Forschung, die die Wahrheit zu ergründen sucht, und nur die Wahrheit, ohne Rücksicht auf das etwa zu Tage tretende Ergebnis. Eine jDseudowissenschaft, die bei allem aufgewandten Scharfsinn mit der ausgesprochenen Absicht arbeitet, heute einen Wellhausen, morgen einen anderen, die alte Auffassung von der Bibel gefährdenden protestantischere Gelehrten zu widerlegen, darf in der jüdischen Bibelforschung keinen j)latz finden. Und noch ein anderes. Auf orthodoxer, selbst noch auf der vermittelnden Seite liebt man es so hinzustellen, als beruhe das Judentum in der Hauptsache auf dem strengen Festhalten am Gesetze, während in Sachen des Glaubens weitgehende Freiheit herrsche. Das ist nur in beschränktem Maße richtig. Gewiß darf der orthodoxe Jude Reflexionen darüber anstellen, ob die Welt in 6 Tagen oder 6 Weltperioden geschaffen worden ist, er darf sogar zweifeln an der Tatsächlichkeit einiger unwichtiger Wunder, z. B. daran, ob die Schlange oder Bileams Eselin wirklich gesprochen haben, aber er darf nicht zweifeln an dem unmittelbaren göttlichen Ursprung des schriftlichen und mündlichen „Gottesworts". Das ist für ihn unverbrüchlicher Glaubenssatz, der ganz allein dem, „was geschrieben steht", Autorität verleiht und die „Verbindlichkeit des Gesetzes" zur Grundlage seiner Weltanschauung macht. Wer wollte leugnen, daß dieses Glaubenselement und damit der leitende Gedanke des alten Judentums in tausenden unserer lebenden Glaubensgenossen für immer zerstört ist. Da er-

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