Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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356 Ar. War Wiener: Cerrmoniell und Sittlichkeit bei Paulus. Schon hört man hier und da im gegnerischen Lager vom baldigen Zusammenbruch der liberalen Vereinigung sprechen, ihr das Los der HOer Jahre prophezeien, indeß ,,seitdem ein Moses Mendelssohn seine warmen Lichtstrahlen in frostige Nacht und dichte Finsternis geworfen, seitdem ein Abraham Geiger die Macht der Gewohnheit brach, kann der liberale Gedanke nicht mehr gehemmt werden, kann von einem Scheitern der liberalen Bewegung keine Rede sein." Ich wüßte nicht, was die Orthodoxie für die Erhaltung des Judentums besseres tun könnte, als dem Geiste der Zeit sich anzuschließen, denn, „das Judentum der Zukunft, es wird liberal sein, oder es wird nicht sein." Und nun noch ein Wort über den bösen Indifferentismus unserer Zeit. „Nicht immer sind die Gründe die zu ihm führen, verwerfliche oder unlautere," man gehe nur den Erscheinungsformen etwas mehr auf den Grund und wird finden, daß in vielen Fällen die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen es ist, die abseits treibt! Und ist es denn heute anders als vor 2000 Jahren? Sat es nicht damals schon Unduldsame, Stockgläubige und Freidenker gegeben? Und auf was anderem denn hat das Christentum aufgebaut, als auf den Fehlern und Irrtümern damaliger Bekenner des Judentums? Nochmals „auf zur Tat, zur praktischen Arbeit." wo und wie anfangen? Das wo! ist unschwer zu finden — bei der Synagoge, das wie! ich denke, auch das — sehen wir uns nur die Zustände recht an — dürfte nicht schwer zu treffen sein! Die erste Stelle, das beste Wirkungsfeld ist die Gemeinde, innerhalb derselben hat die Ortsgruppe*) ihre Tätigkeit nach von zustehender Seite gegebenen Mustern zu entfalten. Die Ortsgruppe ist es, die den Geist der Gemeinde, selbst die Wahlen im liberalen Sinne zu beeinflußen hat. Haben wir derart erst die Gemeinde, wird sich eine liberale Gemeinde Deutschlands der anderen mit Reformen anreihen, so läßt sich sagen: „die liberale Vereinigung ist auf dem richtigen Wege!" *) Leider aber sind sich die Ortsgruppen gar häufig ihrer eigentlichen Aufgaben nicht bewußt, dienen nur als Beiwerk. Zeremoniell uncl Sittlichkeit bei Von Dr. Max Wiener. ie Bewegungen innerhalb der protestantischen Rirche, welche auf eine Auflösung der dogmatischen Fundamente abzielen, leiten ihr historisches Recht letzlich aus der persönlichen Religion Jesu her. Denn nicht der Stifter des Christentums, sondern sein größter Jünger Paulus gilt als der Vater des theologischen Dogmas. Darum also die Losung: von Paulus zurück zu Jesus. Paulus. Sollte dieses Programm seine Erfüllung finden, so wäre damit der grundlegende Unterschied zwischen dem Judentum und der Lehre des Christentums ausgelöscht, die Differenz mindestens zur bloßen Nüance abgeschwächt. Diese Konsequenz ist auch vielen christlichen Historikern nicht entgangen. Denn das Bekenntnis, daß selbst die innerliche Abkehr vom Judentum erst mit Paulus anhebt, daß ohne ihn und seine Lehre das Lhristen-