Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Fonis Jargrr: Ist dir librrsle Vereinigung auf dem richtigen Wege? 355 Jft die liberale Vereinigung auf dem richtigen Wege? Von Touis Jaeger-Bann. ch möchte das weder verneinen noch bejahen, indes ich mich den Folgerungen des Herrn Dr. Ratzenstein voll und ganz anschließe. Nur verstehe ich nicht, was Herr Dr. Ratzenstein damit sagen will: „Und wenn es richtig ist, daß durch eine unserer Zeitanschauung entsprechende Fortentwicklung der jüdischen Religion viele der „Lauen" und Gleichgültigen zurückgewonnen werden können, nun, so möge man doch ruhig die Wirkung der Reform abw arten." welcher Reform? Ich weiß nichts von einer Reform und verfolge doch den Gang der liberalen Bewegung genau, vielleicht, daß Herr Dr. Ratzenstein die bei Gründung des Vereins verheißenen Reformen meint, die stehen allerdings auf einem Blatt Papier! Sehr schön und aus dem Herzen gesprochen heißt es da in dem Artikel des Leiters dieser Zeitschrift des Herrn Dr. Seligmann-Frankfurt a. Rk., Heft I, „Zur Einführung": wir wollen „keine kleinliche und enge Religion, sondern eine Religion, die es aufnehmen kann mit jeder neuen Weltanschauung, und die bestehen kann vor dem Richterstuhl der Vernunft und der Wahrhaftigkeit, weit und frei, licht und groß, voll Schönheit und Rraft." Und so wird auch in Abs. s und 2 des Berliner Programms hervorgehoben, „die Berechtigung und Notwendigkeit, die . . . Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die. unserer Zeit angemessen sind" und daß kein Gewicht gelegt werden soll „auf die Innehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten" und ferner in Abs. 3: „der Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten und es ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter Raum zu gewähren." Das sind goldene Worte, aber ich vermisse die Ausführung, die Tat, und ich bin der Ansicht, es fei hohe Zeit, daß auch einmal praktische Arbeit gemacht werde, wenn nicht die Unzufriedenheit im eigenen Lager genährt werden soll! praktische Arbeit muß es sein! die vermisse ich aber. Allerdings hier und da einige Ortsgruppenbildungen, hier und da einige Ortsgruppenversammlungen mit schwungvollen Reden — und an Verbeugungen vor der Orthodoxie hat es auch nicht gefehlt, was ich aber für verfehlt halte, da erfahrungsgemäß sich mit der Orthodoxie doch kein paktum abschließen läßt! Es dürfte hier" das Wort des Dichters angebracht sein: „Der Worte sind genug gewechselt. Laßt mich auch endlich Taten sehn! Indeß ihr Romplimente drechselt. Rann etwas Nützliches geschehn." Taten laßt uns sehen, Reformen, sie allein geben dem Liberalismus sein Gepräge. Für was anderes denn ist die liberale Vereinigung gegründet, als das Judentum zu reformieren! worin sollen, müssen diese Reformen bestehen? Das Berliner Programm weist deutlich darauf hin: in der Bekämpfung der Starrheit, der dumpfen Gewohnheit, in der Beseitigung der zeitungemäßen, abgestorbener Sitten und Gebräuche, die den Bessergesinnten abstoßen, ihm das Judentum zur Last machen; annehmbarer muß ihm das Judentum gemacht werden, das wird das wirksamste Mittel sein, dem so übel beleumundeten Indifferentismus unserer Zeit zu j steuern!