Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Ar. Silberstein: Air Kartei der Versöhnung 0 0 O O sie es noch als Sünde, bei Regenwetter am Sabbat den Schirm aufzuspannen? predigt keiner von ihnen in einer Vrgelsvnagoge? Wirkt keiner von ihnen in Gemeinden mit modernem Gottesdienst und den von ihnen bekämpften deutschen Gebeten? Ist nicht ihre Teilnahme an der Kultur ein Zeichen von mangelnder Pietät gegen die Vorfahren, welche Feinde der Bildung waren, weil sie darin eine Gefahr für das Judentum erblickten? Oder glaubt gar jemand Pietät zu üben, wenn er z. B. im Bade am Sabbat das Portemonnaie zwar in der Tasche trägt, aber die Bezahlung seines Kaffees aus Frömmigkeit einem andern Juden, einem Schabbesgoj überläßt? — Nur wer den Schulchan-Aruch bis auf das letzte Tüpfelchen hält und danach lebt, nur der ist berechtigt, von Pietät, wie die Freie Vereinigung in ihrem Kampf gegen die liberale Vereinigung dieses Wort aufgefaßt sehen will, zu reden. Wer aber das nicht will und nicht kann, der hat nicht das Recht, anderen Verletzung des Pietätgefühls vorzuwerfen. Entweder man erkennt den Schulchan-Aruch als bindend an, oder nicht. Ein Drittes gibt es nicht. Wer auch nur überein en Paragraphen des Schulchan-Aruch sich hinwegsetzt, der muß es sich gefallen lassen, wenn er von der Orthodoxie der Pietätlosigkeit und Willkür geziehen wird. Was das positive Programm der neuen Vereinigung betrifft, so erübrigt es sich, darauf einzugehen. Denn nach dieser Richtung enthält der Aufruf, von allgemeinen und bis zum Ueberdruß abgedroschenen Phrasen abgesehen, nichts, dem nicht jeder Liberale zustimmen kann und was nicht auch die Vereinigung für das liberale Judentum auf ihre Fahne geschrieben hat. Ja, wenn es der neuen Freien Vereinigung wirklich Ernst ist mit ihrem Programm, dann muß man sich tatsächlich fragen, wozu es noch der Gründung eines neuen besonderen Verbandes bedurfte. Das kann doch nur dazu führen, daß die angeblich bereits vorhandene Zerklüftung noch mehr vergrößert wird. Daß die „Freie jüdische Vereinigung" nicht die Partei des Friedens ist, für die sie sich ausgibt, das hat sie gleich bei ihrem ersten Auftreten durch ihre gehässigen Angriffe und unschönen Verdächtigungen der Liberalen bewiesen. Aber es gibt neben dem Frieden noch ein anderes Gut, das ebenso kostbar ist und nicht auf Kosten des Friedens verkümmert werden darf. Das ist die Wahrheit. Beide Güter sind von der Liberalen Vereinigung bei ihrer Begründung als gleich erstrebenswert bezeichnet worden und nicht aus Schwäche oder Furchtsamkeit ist es damals mit Nachdruck betont worden, daß der Kampf gegen die Orthodoxie nicht im Wesen und in der Absicht des Liberalismus liegt. Und was damals ausgesprochen worden ist, das hat die Liberale Vereinigung bis auf den heutigen Tag treu gehalten und wird es auch ferner tun, weil sie die konsequente Orthodoxie wie jede k o n s e - quente religiöse Richtung für berechtigt anerkennt und ehrt. Ob sie freilich auch mit der neuen „Freien jüdischen Vereinigung" wird in Frieden leben können, das erscheint sehr fraglich. Ja, vielleicht ist hier der Kampf eine religiöse und sittliche Pflicht. Denn es muß immer wieder darauf hingewiesen werden, in welchen Widerspruch und Zwiespalt mit sich selbst alle diejenigen geraten, die nicht orthodox sein können und wollen, die aber gleichwohl nicht die Kraft und den Mut haben, liberal zu sein und liberal sich zu nennen. Denn mit Recht sagt Prof. Dr. Klein jüngst in der „Allgem. Ztg. des Judentums", daß wer nicht liberal fein wolle, konsequent sein und orthodox werden müsse. „Liberaloderorthodox? Dasistdie Frage!"