Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Silberstein: Air Partei der Urrsöhrnmg 347 verständnisinnigeren Bekennern des Judentums heranbilden als die Weisheit jener Pädagogen, welche meinen etwas erreichen zu können oder erreicht zu haben, wenn sie dem Rinde gegenüber das Elternhaus in Gegensatz stellen zu den vermeintlichen Forderungen der Religion und so Mißtrauen zwischen Rindern und Eltern säen. Aber das liberale Judentum will ,,in den Synagogen die hebräische, die Juden der ganzen Welt vereinigende Sprache noch weiter zurückgedrängt sehen." Ja, wie weit ist denn die hebräische Sprache bisher im Gottesdienst überhaupt zurückgedrängt? Rann denn von einer Zurückdrängung überhaupt die Rede sein? Man nehme beispielsweise das neue Berliner Gebetbuch zur Hand und man wird finden, daß der Gottesdienst für das Versöhnungsfest 308 Seiten umfaßt; und auf diesen 308 Seiten nehmen die deutschen Gebete einen Raum von kaum J5 Seiten ein. Das nennen die Herren vom Zentrum ein Zurückdrängen der hebräischen Sprache! Allerdings, jeder Einsichtige und Verständige, dem es um die Weihe und würde des Gotteshauses zu tun, der mit uns der Ansicht ist, daß der Gottesdienst nicht Selbstzweck, sondern dazu da ist, die Beter zu erbauen und zu erheben, der wird den Wunsch berechtigt finden, neben den hebräischen Gebeten auch dem Gebet in der Muttersprache zu seinem Rechte zu verhelfen. Von einer Beseitigung des Hebräischen aus dem Gottesdienste, wie man es gerne glauben machen möchte, ist nie und nirgends die Rede gewesen. Schließlich werden sich auch die Gründer der neuen Vereinigung den offenkundigsten Tatsachen nicht verschließen und etwa behaupten wollen, daß unser Gottesdienst den Ansprüchen eines modernen und gebildeten Menschen entspricht und keiner Verbesserung bedürftig und fähig ist. Wenn endlich behauptet wird, die Liberale Vereinigung trage sich mit radikalen Reformplänen und beunruhige dadurch die Gemüter, so ist das eine vage Behauptung, für welche die Unterzeichner des Aufrufs die Verantwortung nimmermehr tragen können, welches find denn diese radikalen Reformpläne? Die Herren müssen doch unterrichtet sein und diese Pläne kennen! Also doch heraus mit der Sprache! Nicht die Vereinigung für das liberale Judentum schafft die Beunruhigung der Gemüter, wohl aber sorgt dafür die neue „Freie jüdische Vereinigung", die in ihrem Aufruf einen Ton anschlägt, wie er in gewissen Flugblättern bei Gemeindewahlen üblich ist, wie er aber von Männern, welche mit den Waffen des Geistes und der Wahrheit kämpfen wollen, nicht beliebt werden sollte, wahrlich, vergleicht man mit diesem Tone die vornehme Zurückhaltung und Duldsamkeit, welche die Liberale Vereinigung vom Tage ihres Entstehens an den Andersdenkenden gegenüber bekundet hat, — es kann nicht zweifelhaft sein, auf welcher Seite das Recht und die Wahrheit ist. Die Liberale Vereinigung vermehrt auch nicht die Entfremdung vom Judentum, wie in dem Aufruf behauptet wird; im Gegenteil, die sich bereits entfremdet hatten, nähern sich wieder dem Judentum. Das beweist die Begeisterung, welche die Ideen der Liberalen Vereinigung in zahlreichen Gemeinden geweckt haben, selbst in Gemeinden, in denen Unterzeichner des Aufrufes seit Jahren wirken. Selbstverständlich darf in dem Aufruf auch das Schlagwort „Pietät" nicht fehlen, um vor den bösen Neuerern zu warnen. Ich will mich hier nicht auf eine Definition des Begriffes „Pietät" einlassen. Ich will auch nicht darauf Hinweisen, daß auch die Pietät ihre Grenzen hat und daß jemand noch lange kein guter Jude ist, wenn er nur aus Pietät am Alten festhält, ohne von dessen Berechtigung im Innersten überzeugt zu sein. Fragen möchte ich die Unterzeichneten nur, wie sie es denn selbst mit der Pietät halten. Tragen sie noch am Sabbat das Taschentuch als Gurt um den Leib gebunden? Betrachten