Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Ar. Silbrrstein: Air Partei der Versöhnung sich vom Leben meistern lassen und nicht mehr das heilige Ideal sein soll, das berufen ist, das Leben zu meistern." Das gerade Gegenteil trifft zu! Das liberale Judentum betrachtet es als seine höchste Aufgabe, die Religion wieder zu einem unentbehrlichen Faktor im Leben machen, und wer behauptet, daß es „das heilige Ideal" antaste, der kennt entweder das Ideal nicht, oder er spricht gegen das liberale Judentum eine Verdächtigung aus, die unerhört ist und gegen die energisch protestiert werden muß. Das heilige Ideal des Judentums steht ja gerade im Vordergründe der liberalen Bestrebungen. Es soll befreit werden von der festen und starren Umhüllung, unter der es schläft, ohne eine Wirkung auszuüben. Ls soll hoch aufgerichtet werden, um weithin seine leuchtenden Strahlen zu senden und so die Herzen zu erwärmen und das Leben zu befruchten. Was sodann in dem Aufruf von den „gesicherten Resultaten der Wissenschaft" gesagt wird, das klingt sonderbar aus dem Munde von Männern, die auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erheben. Die wirklich gesicherten Resultate der Wissenschaft leugnen und als Hypothesen hinstellen wollen, das heißt nichts anderes als die Berechtigung der theologischen und philologischen Forschung überhaupt in Abrede stellen. Allerdings: wir haben anderen das Studium unserer wichtigsten Religionsquelle überlassen und unsere eigene Kraft bisher meist an theologischen Vmsquilien vergeudet. Aber das gereicht uns nicht zur Ehre, und um so mehr ist es Zeit für uns, das Versäumte nachzuholen und die Bibelwissenschaft nicht zu unserem Schaden den anderen zu überlassen. Ich möchte zudem die Unterzeichner des Aufrufs auf Ehre und Gewissen fragen, ob sie wirklich an die Verbal - Inspiration glauben, ob sie glauben, daß die Schlange im Paradiese und die Eselin des Bileam in Menschensprache geredet, daß es nur einen Jesaja zur Zeit des Königs Hiskia gegeben, daß Kohelet von König Salomo verfaßt sei u. a. m. Auch sie betonen ja die pflege der Wissenschaft des Judentums, ja sie wollen Entscheidungen treffen „auf Grund sorgfältiger historisch-wissenschaftlicher Forschung", was verstehen sie. darunter? Etwa Entscheidungen nach Art des famosen Gutachtens von Zacharias Frankel über die Denkmalsfrage, von dem Lazarus („Die Erneuerung des Judentums", S. ^5) treffend sagt, daß es nach Inhalt und Methode so abgefaßt ist, wie es aus dem dunkelsten Ghetto des \7. Jahrhunderts oder heute von dem ungebildetsten Rabbiner des kleinsten russischpolnischen Städtchens abgefaßt sein würde; den Jore dea und den Talmud nachschlagen und ab schreiben, irgend eine glücklicher Vergessenheit anheimgefallene Satzung erneuern, das ist das Werk!? — Mit Recht fährt Lazarus im Anschluß an die Kennzeichnung dieser Art historisch-wissenschaftlicher Entscheidungen fort: „was nützt also alle die große Gelehrsamkeit, die wissenschaftliche Arbeit dieser Herren, wenn jeder eigene Gedanke fernbleibt und nur ein verschollenes Wort zur Geltung kommt? Alle die große Gelehrsamkeit sinkt zu einem bloßen Zierrat herab und ist ohne allen wert für die Gestaltung des lebendigen Judentums." was von der Wissenschaft als unumstößlich wahr erkannt worden ist, dem muß auch ein Einfluß auf die Gestaltung des Lebens zugesprochen werden, wenn die pflege der Wissenschaft überhaupt einen Sinn haben soll. Die Wahrheit kann zudem dem Judentum niemals „verhängnisvoll" werden, wenn sie in Schule und Gotteshaus gelehrt und gepredigt wird. Geschadet hat dem Judentum stets nur die innere Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, die anders denkt und anders spricht. Denn was wahr ist und bleibt, nur das wird einen Eindruck machen auf die Jugend und sie zur Glaubenstreue erziehen. Es wird sie zu