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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 15 (1909) · p. Seite 345

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
15 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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Ar. Silderstein: Air Partei der Versöhnung 345 nisse auch dazu benützen, um dem mit moderner Wissenschaft gesättigten Menschen die Religion zu bewahren. Der erste radikale Bibelkritiker war jener Talmudweise, der anssprach, daß die sechs Schöpfungstage nicht im buchstäblichen Sinne des Wortes Tage, sondern Jahrtausende bedeuten. Sicherlich, eine kühne Hypothese und kein gesichertes Ergebnis der Wissenschaft, doch gibt es heute keinen gebildeten orthodoxen Rabbiner, der nicht von dieser Hypothese Gebrauch macht, um den Widerspruch der biblischen Schöpfungsgeschichte mit den modernen Anschauungen zu lösen. Da die Freie Bereinigung mit solcher Emphase von der Wissenschaft des Judentums spricht, war es unklug von ihr, die Bibelkritik, die nun einmal zur jüdischen Wissenschaft gehört, in den Grund bohren zu wollen. Sie weiß ja nicht, ob sie nicht einmal die Ergebnisse der Bibelkritik wird anwenden müssen, da sie doch auch die Absicht hat, „Zugeständnisse an die moderne Zeit" zu machen. Wer die Wissenschaft liebt, liebt sie mit ganzem Kerzen, und nur dann weist die Wissenschaft die Bahn, wenn sie freie Wissenschaft ist und ihre lehren nicht Hinzielen nach der Richtung einer Partei. Die Verfasser des Aufrufes sind wohl sehr stolz auf ihr Wort: „Die Religion soll sich nicht vom Leben meistern lassen." Mögen sie lieber darauf acht haben, daß die Religion und das Leben nicht gänzlich verschiedene Wege gehen, so daß das Leben sich um die Religion überhaupt nicht kümmert. Dann läßt sich freilich die Religion nicht vom Leben meistern. Mögen die Verfasser des Aufrufes nicht vergessen, daß die Träger der Religion nicht einige Rabbiner und einige Seminardozenten allein sind, der Träger der Religion ist die jüdische Gesamtheit, die nicht von der Religion, sondern für die Religion lebt, und da hat das Leben der Gesamtheit schon nach dem Ausspruche R. Zosuas b. Lhananja wohl auch ein nicht zu übersehendes und ein nicht gering zu schätzendes Recht. Oie Partei äer VerMnung! Von Dr. Silberffein-Stargard, Pommern. s ist zur Wirklichkeit geworden! Das jüdische Zentrum oder „Freie jüdische Vereinigung", wie der offizielle Titel lautet, ist erstanden! Als „Partei der Versöhnung" führt es sich ein in die Geffentlichkeit, aber gleichwohl kann es sich nicht versagen, sein Dasein zu beginnen, indem es die heftigsten Angriffe und Verunglimpfungen gegen die „Vereinigung für das liberale Judentum" schleudert. Der Aufruf, den die „Freie jüdische Vereinigung" veröffentlicht, zerfällt in zwei Teile. Während der zweite Teil von positiven Aufgaben spricht, bekämpft der erste vornehmlich die Liberale Vereinigung und die Rabbiner, die sich ihr angeschlossen haben. Zeder Satz enthält hier eine Ungenauigkeit und einen unberechtigten Angriff, und ist geeignet, die öffentliche Meinung irre zu führen. Eine energische Zurückweisung ist daher geboten. Es heißt da zunächst, daß die Liberale Vereinigung „die Verbindlichkeit der Bibel und der Tradition nur in soweit anerkennen will, als diese Quellenschriften mit dem Leben in Einklang stehen." Abgesehen davon, daß die Unterzeichner des Aufrufes im zweiten Teile desselben es auch ihrerseits aussxrechen, daß den (Quellenschriften keine unbedingte Verbindlichkeit zukommt und man sich den Ansprüchen der Zeit nicht verschließen könne, verwechselt man hier offenbar absichtlich, um einen Gegensatz zu schaffen, die äußeren Formen, das sogenannte Zeremonialgesetz mit dem Bekenntnis und dem Sittengesetz des Judentums. Denn sonst wäre die Behauptung unverständlich, daß nach Meinung der Liberalen, „die Religion

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