Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Gedanken über religiösen Liberalismus einst unseren Vätern, die Religion sein, nach der wir uns sehnen? wie können wir, obschon in uns alte Glaubenselemente unter dem Einfluß der Wissenschaft für immer zerstört sind, wieder religiöse, begeisterte Juden werden? Und auf dem Boden einer solchen Gemütsverfassung erwuchs die neue religiösfortschrittliche Bewegung im Judentum. Soll nun die begonnene Renaissance des liberalen Judentums zur Renaissance des Judentums überhaupt werden, so sind die Fehler, die die alte liberale Bewegung zum Versanden brachten, zu vermeiden. Gin großer leitender Gedanke muß alle wissenschaftliche, alle praktische Arbeit im Dienste des Liberalismus durchdringen, ein Gedanke, der durch seine werbende Rraftauch in der großenMasse begeisterte und treue Anhänger gewinnen und gerade für den gebildeten Teil der breiten Volksschichten zur Grundlage einer religiös-liberalen Weltanschauung werden kann. Ts ist die Ueberzeugung von der Entwicklungsfähigkeit und -Notwendigkeit des Judentums und von der verjüngenden Rraft, die aller religiösen Fortentwicklung innewohnt. Mit dieser Ueberzeugung ist zugleich die andere gegeben, daß das Judentum in seiner ewigen Erneuerung in jedem Zeitalter dem Einzelnen wahre Religion ist und der Menschheit gegenüber in der Reinhaltung und Verbreitung des ethischen Monotheismus seine große Rulturaufgabe erfüllt, mit anderen Worten: daß also das Judentum eine Religion sei, wert, sie zu erhalten, wert, mit Stolz ihr treu zu bleiben und ihr die höchsten persönlichen Gxfer zu bringen. bsat sich so um einen einheitlichen großen Gedanken eine im Geiste liberale Gemeinschaft geschart, dann wird sich die Reform der religiösen Lebensführung und des Gottesdienstes aus der Idee ganz von selbst ergeben. Eine solche Reform als Folge der geistigen Reform wird dann auch dem religiösen Bedürfnis Befriedigung gewähren. Sie wird jüdisch sein, denn der große Gedanke der Entwicklung schließt schon mit Notwendigkeit den engen historischen Zusammenhang mit der Vergangenheit in sich, einen Zusammenhang, der auch in den religiösen Formen und im Gottesdienst durchaus zum Ausdruck kommen muß. wie aber sind vorstehende Voraussetzungen zu schaffen? Wie ist der Zdee an sich zum Durchbruch, zur Entwicklung, zum Siege und zur Verbreitung zu verhelfen? Die bserausarbeitung des Gedankens zu einem liberalen Gebäude der jüdischen Religion ist Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung, die Popularisierung und j)rogagierung der Zdee, soweit sie in gesicherten Ergebnissen der Wissenschaft ihren Ausdruck findet, fällt — für die Zugend — dem Religionsunterrichte, — für die Erwachsenen Vorträgen, Vorlesungszyklen, populären Schriften und — der Ranzel zu. von der.Auffassung und Ausgestaltung dieser Arbeitsmittel hängt für die Erfolge der religiösen fortschrittlichen Bewegung alles ab, und darum ist bei ihnen etwas länger zu verweilen. Reden wir zuerst von der Wissenschaft, von ihr, die das Gedankengebäude aufzurichten hat. Sie würde als theologische Wissenschaft in liberalem Sinne zu begründen sein unter Benutzung der von Geiger hinterlassenen Bausteine. Neue Ansätze hierzu sind vorhanden. „Zn liberalem Sinne", d. h. hier: die Theologie muß als unabhängige, freie Forschung betrieben, die Ergründung der Wahrheit als vornehmste Aufgabe betrachtet werden. (Schluß folgt.)