Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 15 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126498--0362-3127138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dir freie Mische Vereinigung 341 Oie freie jüdifche Vereinigung. wir erhalten aus Breslau nachstehendes Schreiben: Der hochgeehrten Redaktion übersenden wir den anliegenden Aufruf mit der ergebensten Bitte, ihn in der nächsten Rümmer Ihres geschätzten Blattes mitfamr den Unterschriften zum Abdruck zu bringen, hochachtungsvoll Der vorläufige Ausschuß der „Freien jüdischen Vereinigung". Brann. Elbogen. Frank. F. Rosenthal. Weiße. Werner. Der Aufruf lautet: Die religiösen Unterschiede innerhalb der jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes, die in den letzten Jahrzehnten an Schärfe verloren hatten, haben neuerdings Formen angenommen, welche die Einheit der deutschen Iudenheit bedrohen. Auf der einen Seite haben sich Vertreter der strengsten Gbservanz verbunden, welche die Anwendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich in Abrede stellen und darum alle Zugeständnisse an die moderne Zeit abweisen und sich immer mehr von der Mitarbeit an den gemeinsamen Aufgaben der deutschen Iudenheit abwenden. Auf der anderen Seite hat sich unter dem Schlagwort des Liberalismus ein verband gebildet, dessen Programm die Verbindlichkeit der Bibel und der Tradition nur insoweit anerkennen will, als diese Quellenschriften mit dem Leben im Einklang stehen. Die Religion soll sich somit vom Leben meistern lassen und nicht mehr das heilige Ideal sein, das berufen ist das Leben zu meistern. Vorübergehenden Zeitströmungen und wissenschaftlichen Hypothesen, die mit Unrecht als gesicherte Ergebnisse der Wissenschaft ausgegeben werden und überdies zumeist außerhalb des Judentums aufgetaucht und gegen dasselbe gerichtet sind, soll die durch Jahrtausende bewährte Kraft unseres Religionsgesetzes geopfert werden. Selbst in die Schule und in das Gotteshaus sollen diese verhängnisvollen Lehren hineingetragen werden. Die Jugend soll durch die Verkündigung haltloser Behauptungen über unser heiliges Schrifttum verwirrt, ja es soll selbst der Religionsunterricht dem oft unreligiösen Charakter des Familienhauses entsprechend erteilt werden. In den Synagogen soll die hebräische, die Juden der ganzen Welt vereinigende Sprache noch weiter zurückgedrängt werden. Die Gemüter werden durch radikale Reformpläne, über deren Unwirksamkeit die Geschichte längst ihr Urteil gefällt hat, beunruhigt; die Eintracht im Innern, deren wir heute dringender als je bedürfen, wird gefährdet; die Schar derjenigen, welche der Religion entfremdet sind, wird durch solche, das j)ietätsgefühl schwer ververletzende Mittel nicht verringert, sondern vermehrt. Als in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts derartige extreme Bestrebungen sich zuerst bemerkbar machten, traten ihnen alsbald hervorragende Männer entgegen, welche Entscheidungen über Fragen des religiösen Lebens nur auf Grund sorgfältiger, historisch-wissenschaftlicher Forschung für zulässig erklärten. Sie haben dadurch die drohende Gefahr einer tiefen Zerklüftung von der deutschen Iudenheit abgewehrt und auf die Ausgestaltung ihres inneren Lebens einen maßgebenden Einfluß gewonnen. Im Geiste dieser vorbildlichen Meister wollen wir angesichts der Erscheinungen der jüngsten Gegenwart eine Verbindung unserer Gesinnungsgenossen unter dem Namen „Freie jüdische Vereinigung" ins Leben rufen. wir wollen danach trachten, der Religion ihre Macht über die Gemüter wieder zu gewinnen, damit sie wie in den Tagen unserer Väter das Leben wieder heilige und verkläre, wir wollen die Einheit in den Gemeinden erhalten und nicht den Zwiespalt in ihnen noch erweitern; wir wollen die Autorität der Quellenschriften unserer Religion nicht erschüttern und unser Judentum nicht zum Spielball jeder modernen Strömung machen lassen; wir wollen das jüdische Bewußtsein stärken. Bei aller Treue gegen die Heiligtümer unserer Väter dürfen und wollen wir uns jedoch auch den Ansprüchen der Zeit nicht verschließen, soweit diese dem