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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 15 (1909) · p. Seite 339

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
15 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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Gedanken über religiösen Fibernliswns 339 leugbar vorhandenen tiefen religiösen Bedürfnis vieler Gebildeten auch nicht entfernt Befriedigung werden konnte. Daher verlor ein Teil, gelangweilt und angewidert, jedes Interesse für die weitere religiöse Entwicklung und wendete sich vollständig von jeder religiösen Betätigung ab. Er bildete die große, für den Bestand der Religion gefährlichste Masse der Indifferenten; andere wieder trieb die Sehnsucht nach Religion zurück in den Schoß der alleinseligmachenden Orthodoxie, was an „liberalem" Bestände noch verblieb — das bereitete der Orthodoxie keinen Rümmer mehr, sie trat auf der ganzen Linie die Herrschaft an, sie durfte sich als das offizielle Judentum, als die alleinige Hüterin der jüdisch-religiösen Wahrheit aufsxielen. Geistig und sozial hochstehende Männer leisteten ihr dabei machtvolle Bundesgenossenschaft, indem sie, die für sich jede Beobachtung religiöser Vorschriften längst über Bord geworfen hatten, für die jüdische Gemeindepolitik die These aufstellten: „Dem ,Volke' muß die — orthodoxe — Religion erhalten werden." Freilich, wir wollen unfern Scheinorthodoxen diese Stellungnahme nicht allzusehr verübeln: in dem diskreditierten Liberalismus vermochten sie kein Mittel zur Befriedigung des im Volke wurzelnden religiösen Bedürfnisses zu erblicken. In den von „liberalen" Mehrheiten beherrschten Gemeindeparlamenten fand die Orthodoxie die liebevollste Rücksichtnahme für ihre Forderungen. „Um des Friedens willen", wie die liberale Vokabel lautete. Diese trostlosen Zustände, die wie gesagt keine geringe Gefahr für den Bestand des deutschen, des westeuropäischen Judentums bildeten, ragten in die neueste, in religiöser Beziehung sehr merkwürdige Zeit hinein. Die westeuropäische Kulturwelt fühlte sich von der Art, wie der Materialismus die letzten Fragen zu lösen suchte, nicht befriedigt. Wieder erwachte in der Brust der Menschen ein tiefes religiöses Sehnen, wieder flüchtete man zu der alten Trösterin und Mutter Religion, von ihr die Antworten auf die höchsten Fragen nach Gott und Menschendasein heischend. Und, daß wir's nur gestehen, erkannt wurde dieser neue religiöse Zug zuerst auf protestantischer Seite. Hier entwickelte sich alsbald ein emsiges Leben; weite Kreise der Gebildeten, die bis dahin aller Religion indifferent gegenüber gestanden hatten, nahmen innigen Anteil an den Arbeiten und Fortschritten der theologischen Wissenschaft, und man griff begierig nach den Kleinmünzen, die die Forscher aus den Goldbarren der Wissenschaft prägten, nach den populären Darstellungen der wissenschaftlichen Ergebnisse; die Säle, in denen in mündlichem Vortrage diese Ergebnisse dargelegt wurden, waren von Zuhörern, zu denen auch die Frauenwelt ein beträchtliches Kontingent stellte, überfüllt. Der Schulwelt bemächtigte sich eine freudige Bewegung, freudig, weil die Befreiung des unterrichtlichen Gewissens winkte; frisches Leben entwickelte sich, und im Religionsunterricht bahnte sich eine Umwertung der religiösen Werte an. In dieser Aufwärtsbewegung steht die protestantische Welt noch jetzt, und kein Schelten und Klagen orthodoxer Geistlichen, kein Drohen orthodoxer Konsistorien vermag die Entwicklung aufzuhalten. Auch die katholische Welt blieb nicht unberührt von der religiösen Bewegung, ein lebendiger Zeuge ist der vom s)apste verfolgte „Modernismus". Und die Juden? Run, wären sie von irgend einer tiefgehenden Kulturbewegung je unberührt geblieben? So sehen wir es denn auch in unseren Reihen lebendig werden, der religiöse Zug der Zeit wirkte auch bei uns erweckend und aufrüttelnd. In tausend Herzen stieg die heiße Frage auf: wie kann das Judentum nach Form und Inhalt wiederum, wie

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