Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 15 (1909) · p. Seite 338

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
15 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126498--0359-3127135
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

338 Gedanken über religiösen Liberalismus Konfusion, Halbheit und Zaghaftigkeit. Das Werk eines Geiger blieb ein Torso, man erkannte nicht die Notwendigkeit, dieses Werk in gründlicher Arbeit in der von seinem Schöpfer klar gewiesenen Richtung auszubauen: man unterließ es, das vorhandene Fundament zu dem Gebäude einer wirklich liberalen jüdischen Theologie zu vollenden und es zur Grundlage einer die breiteren Volksschichten durchdringenden liberalen und doch positiv jüdischen Weltanschauung zu machen. An dieser Unterlassungssünde hat seither der jüdische Liberalismus gekrankt, sie hat es verhindert, ein wirksames Gegengewicht gegenüber der Orthodoxie zu schaffen, die all den Halbheiten, ziellosen versuchen und der ganzen Mattigkeit des nachgeigerschen Liberalismus selbstbewußt, kraftvoll und klar ihre eigene positive Weltanschauung gegenüberstellte. Wohl ging ein tiefes religiöses Sehnen und Suchen durch die gebildete jüdische Welt. Moderner Bildung und modernem Denken waren wichtige Elemente in Form und Znhalt des alten Judentums für immer entfremdet worden, nicht aber die Sehnsucht nach der Religion selbst. Unter dem Einflüsse der Naturwissenschaften hatten manche Glaubenselemente bedeutende Umformungen erlitten, aber das wahrhaft religiöse Empfinden war doch geblieben. Man lechzte förmlich danach, auch unter den veränderten Verhältnissen, auch bei den neuen Antworten aus die letzten Fragen religiöser Zude bleiben, ein neues inniges Verhältnis zum Judentum gewinnen zu können. Aber da hatte eine große Zeit in den Repräsentanten des nachgeigerschen Liberalismus ein kleines Geschlecht gesunden. Anstatt zunächst ein Gedankengebäude auszurichten, das, die Ewigkeitswerte des Judentums in sieghafter Gestalt ausweisend, der Masse der Gebildeten als eine befriedigende, vielleicht als die einzig mögliche Vereinigung jüdischen und modernen Denkens hätte erscheinen können — anstatt dessen griff man zur Politik der kleinen Mittel, wie sie gerade an der äußersten Oberfläche sich boten. Zn der Abschaffung einzelner Bräuche, in mehr oder weniger erheblicher Aenderung oder Modernisierung des Gottesdienstes erblickte man das Alpha und Omega aller religiösen „Reform", was wunder, daß da alles religiöse Denken mehr und mehr verflachte, daß sich in einem Teile der Zugend gar die Vorstellung herausbildete, als sei es schon ein hervorragendes Merkmal des „religiösen Liberalismus", mit der brennenden Zigarre am Sabbat durch die Straßen zu stolzieren oder religiöse Gebräuche mit spöttischen und zynischen Bemerkungen abzutun. Aber als das schlimmste und — bezeichnendste Symptom der ganzen Hohlheit und Oberflächlichkeit dieses sogenannten Liberalismus ist die Tatsache anzusehen, daß es bis in unsere Zeit für religiös - liberale Durchschnittsjuden keine „religiösen Bedenken" gegenüber den Zumutungen der Orthodoxie gibt. Man hat Verständnis dafür, daß ein Orthodoxer nicht an einem reformierten Gottesdienst teilnehmen kann, daß er sein Rind nicht in den Religionsunterricht des liberalen Rabbiners schickt, aber daß ein Liberaler es als unerträglichen Gewissenszwang empfinden könnte, in einem orthodoxen Gottesdienst für die Wiederherstellung des Gxferdienstes bitten oder feinKind dem orthodoxen Religionsunterricht zuführen zu müssen, dafür fehlt den meisten sogenannten Liberalen jedes Verständnis. Und der Grund? Nun, lediglich der Mangel einer geschlossenen religiösen Weltanschauung, einer zwingenden religiös-liberalen Ueberzeugung. Und nun die Folgen. Ls ist einleuchtend, daß unter solchen Umständen dem un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.