Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 335 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Küchrrfchau 335 vor, wie das Wort „Entwicklung". Alles was er schreibt, ist durch und durch getragen von dem ganz naiven Glauben, an beständigen „Fortschritt des Menschengeschlechts". Und gerade weil er als Jude von unten herauskommt, wird er mit diesen Instinkten zum berufenen Repräsentanten all der Volksklassen, die aus dem Dunkel zum Lichte streben. Sein sozialer Optimismus ist ungemein charakteristisch für die jüdische Ethik, die den Kern jüdischer Religiosität ausmacht, ohne spezifische, metaphysische Glaubensartikel, einzig getragen von dem Willen zum Glück, und der sozialen Energie der LMfsbereitschaft und großem Pathos hochgestimmter Kerzen. Gegenüber diesem allgemeinen Tharakter des Buches, der an und für sich selbst ein gewichtiges Stück jüdischer Geistesart repräsentiert, ist relativ belanglos, wie von Stein die speziellen Probleme des Judentums angefaßt werden. Einen breiten Raum in seinen Darlegungen nehmen Auseinandersetzungen über die Rassenprobleme ein. Diese Kapitel sind aus einer langen Kontroverse entstanden, die L. Stein in der „Wiener Freien Presse" mit Houston Stewart Thamberlain geführt hat. Die vornehme, konziliante, fast liebenswürdige Art der Auseinandersetzung tut wohl. Alles das, was Stein über das Rassenproblem vorbringt, ist klärend und richtig und kann im Streite der Meinungen viel Gutes tun und manchem Menschen zur Beherzigung empfohlen werden. Ls ist vor allem fruchtbar, wie Stein die erkenntnis-theoretische Seite des Problems der Rasse in den Vordergrund rückt, wie er darlegt, daß Behauptungen der Rassenbiologie oder Rassenpsychologie niemals apodiktischen, immer nur regulativen Charakter haben; daß man auf dem Gebiet der Rassenlehren immer nur mit typischen Verallgemeinerungen, niemals mit echten, empirischen Gesetzen zu tun hat. Das alles wird freilich niemanden überzeugen, der auf diesem Gebiete der Rassenfrage lediglich die Bestätigung seiner Gefühle und seines Willens, nicht aber irgendeine Erkenntnis zu gewinnen sucht. Wex eben schlechthin davon überzeugt ist, daß seine Art zu leben und zu fühlen die schlechthin höchste auf Erden ist, der ist ebenso unwiderleglich, wie der andere, der sich nicht Herabdrücken und herabmindern lassen will, sondern aus Defensive heraus die i h n charakterisierenden Unterschiede gegen Angreifende ausspielt. Ls ist daher zu dem Kapitel über Rassenbiologie eine treffliche Ergänzung, was Stein in einem andern Kapitel, über das Toleranzproblem, über die Toleranz zwischen verschiedenen Nationen, Menschenarten, Lebensauffassungen, Lebenshaltungen zu sagen weiß. Ich behaupte hier nicht, daß diese Darlegungen die ich durchweg auf dem Boden des modernen liberalen Judentums stehend erachte, das schlechthin Letzte und Tiefste über Lebensfragen der heutigen Juden sagen. Ich könnte meinerseits nicht vieles ohne Vorbehalt, manches überhaupt nicht unterschreiben, aber ich glaube, daß für die Leser dieser Monatshefte, überhaupt für moderne, nach Klarheit über ihre Kulturaufgabe und ihre Stellung in der Welt von heute grübelnde Juden die Steinschen Kapitel mannigfach klärend und anregend sind. Zur Besprechung eingegangen: Beruria. Gebete und Andachten für jüdische Frauen und Mädchen. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Ausgabe für junge Mädchen. — Wien ^(>9, Jos. Schlesinger. Die Anschauungen der Propheten von der Sittlichkeit. Von Max Wiener. (Schriften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Band I, Heft