Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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834 Kirchrrscharr o o o o Bücherfchau. „PhilosophischrStrörrmngen-rrGegenwart." Von Professor Ar. Ludwig Stein, angezeigt von Dr. Theodor Lessing, Privatdozent der Philosophie und Pädagogik an der Hochschule Hannover". (Stuttgart. Verlag von Ferdinand Enke, (908.) Das Buch ist für die Leser des „LiberalenIudentums" von hervorragendem Interesse dadurch, daß sich darin eine Reihe von Rapiteln befinden, die sich vornehmlich mit dem Probleme des modernen Juden, mit der Rassenfrage, der Religionsfrage, den Fragen jüdischer Ethik auseinander setzen. Es sei vorweg gesagt, daß kaum ein anderer philosophischer Schriftsteller auf dem Gebiete dieser Fragen mir so kompetent zu sein scheint, wie Ludwig Stein. Denn was ich im Guten und Schlimmen an seiner Schrift wahrnehme, das sind Merkmale, die in bestimmtem Umfange für den Geist des heutigen liberalen Judentums schlechthin gelten können. Ludwig Stein stellt sich mir in dieser Hinsicht geradezu als Typus des fortschrittlichen mit der gesamten Bildung unseres Zeitalters gesättigten internationalen Rulturjuden dar. Sowie dem jüdischen Genie überhaupt (seinen historischen Schicksalen wie der aus den Schicksalen erzüchteten Seelenart zufolge), in der modernen Zeit überall die Rolle eines Völkerfermentes zufiel, eine vermittelnde, zwischen den allerverschiedensten Gebieten des Geistes, zwischen den verschiedensten Sprache:: und Rulturkreisen Brücken schlagende Zwischenhändlerrolle so ist der große „Rulturpolitiker", als dessen Vertreter wir Ludwig Stein zu charakterisieren haben, vorwiegend zum Maklertum des Geistes berufen. Hierzu bringt Stein außerordentliche Anlagen mit. Ueberraschende Schnelligkeit und Versiertheit der Auffassung, klugen Spürsinn für starke und selbständige Persönlichkeiten, neue Richtungen, Widersprüche, innere Zusammenhänge oder Gegensätze. Die Unmöglichkeit, in irgendeinem Linzelproblem Wurzel zu schlagen, wird für diese Diplomatik, diese Mittlerrolle der Philosophie zu einem großen Segen. Sie bewirkt eine Weitherzigkeit der Auffassung, eine Freiheit von Vorurteilen und Enge, eine Duldsamkeit und Gerechttgkeit gegenüber den allerverschiedensten Standpunkten, die jedenfalls außerordentlich klärend und belehrend ist. Im alten orthodoxen Judentum spielte kein Typus eine so gewichtige wissenschaftliche Rolle, wie der des „Zaddik"; Zaddik aber heißt zu deutsch „Vermittler". Das Brückenschlägen zwischen der ewig schaffenden Macht und der Welt praktischer, ethischer Menschen-Interessen, das war Ziel und Lebensrecht jener Sphäre jüdischen Geistes, aus der auch bie Werke Ludwig Steins, trotz ihres internationalen, der „allgemeinen Bildung" zugehörigen Charakters geboren sind. Ich behaupte nicht, daß diese Sphäre liberaler Geistigkeit ohne Mangel, ohne Schattenseite ist! Aber so wie sie ist, entspricht sie für die Gegenwart dem Bedürfnis und der Notwendigkeit aller jener Volksschichten, die in den Idealen des Fortschrittes, der Toleranz, der Humanität ihr Ziel suchen. Für diese ringenden, aufstrebenden Elemente des breiten Bürgertums sind Geister wie Ludwig Stein gerade vermöge ihres Einschlags jüdischer Seelenart die richtigsten Lehrer. Jahrtausende lang bearbeitete Gehirne machen sich zum Träger hoher sozialer fortschrittlicher Ideen. Philosophen wie Stein besitzen einen festen Grund, in dem all ihr Denken schließlich verankert liegt. Man kann ihn kurz bezeichnen als sozialen Optimismus oder Evolutionismus. Rein Wort kommt bei Stein so oft