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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 14 (1909) · p. Seite 329

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
14 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 329 (sequence 17)
Language
German
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o o o o Ar. Mas Frrudrnthal: Gsttrsdirnst und Gebetbuch 329 Einfluß der Mystik und Kabbala in dieser Einsicht gewesen ist, so stark und Lief, daß er die weitgehendsten Reformen im öffentlichen Gottesdienst Hervorrufen konnte. Während Elbogen in dem gleichfalls unserem heutigen Empfinden so auffälligen, übersprudelnden Wortreichtum der hebräischen Gebete, in der nutzlosen Häufung von inhaltlosen Synonymen, die keinen gedanklichen Fortschritt bringen, bereits den Einschlag der alten babylonischen Mystik kennzeichnet,^) bringt Berliner aus der mittelalterlichen Blütezeit der Kabbala eine ganze Fülle frappanter Beispiele und eröffnet selber den Kampf gegen die immer noch bestehenden Nachwirkungen dieser Strömung im Gebetbuch.^) Unsere „Reform"-Gebetbücher hatten also recht, wenn sie schon längst sich herausgenommen haben, gründlich aufzuräumen mit allem kabbalistischen Engel¬ und Geisterspuk, mit dem großen Leviathan in der Festhütte, mit den Hühnern zum Umschlagen vor dem Versöhnungstage, ein „Stuß", wie der Schulchan-Aruch selber sagt, der aber trotzdem in den allerneuesten Ausgaben des Siddurs Mt aller Ausführlichkeit immer wieder figuriert, und ähnlichen Entwürdigungen unseres reinen Gottesglaubens. Einige andere Ausrodungen wird man bei Neuausgaben unserer Gebetbücher an der Hand der wissenschaftlichen Feststellungen Berliners noch außerdem vornehmen dürfen. Daß auf Grund dieser Feststellungen auch das schöne Sabbatbegrüßungslied Lecho dodi und die dreimalige Rezitierung der sogenannten dreizehn Rliddot (Adonoi, Adonoi, el rachum usw.) an den Festtagen bei geöffneter Bundeslade auf den kabbalistischen IZndex gesetzt werden muß, erweckt ein Lächeln, wenn man weiß, mit welcher Gewissenhaftigkeit in so vielen Gemeinden unweigerlich alle Strafen und 2°) Studien, S. 23 u. 30. 21) Randbemerkungen, S. 30 ff. Gegenstrofen dieses Lecho dodi abgesungen werden müssen, und mit welcher Peinlichkeit selbst liberale Rabbiner darauf halten, daß die 13 Rliddot ebenso unweigerlich dreimal, aber ja nur an bestimmten Festtagen, an anderen beileibe überhaupt nicht zu sprechen sind. Welche Sünde gegen den heiligen Geist der Kabbala, daß in den Gebetbüchern einiger liberaler Gemeinden nur ein oder zwei Strafen des Lecho dodi beibehalten sind und die H3 Rliddot nur einmal und noch dazu an allen Festtagen gesprochen werden! Sollten diese kabbalistischen Einführungen nicht besser ganz gestrichen werden? Für uns liegt kein Grund dazu vor. Wir lernen nach der Mahnung unserer Weisen von jedermann — selbst von Nichtjuden! —, genießen jeden Fruchtkern, auch wenn wir die Schale nicht gebrauchen können, wertschätzen das Schöne überall, wo es uns entgegentritt. Es war ein schöner Gedanke der Kabbalisten, den Sabbat also festlich zu begrüßen, ein ebenso schöner, bei Geffnung der heiligen Lade am Festtage die Gnade des Allgütigen noch besonders zu erflehen, und nicht minder schön war ihr Brauch, auf den Berliner wieder hinweist, ihre Gebete zu eröffnen mit dem Gelöbnis der Erfüllung des Gebotes: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und an jedem Abend nach dem Vorbild frommer Talmudlehrer^) demütig mit den Worten zu beschließen: „Vergeben sei jedem, der mir heute etwas zu Leide getan!" Können wir nicht für die Neuaufnahme solcher Stellen in unser Gebetbuch so manches darin preisgeben, das unserem Empfinden nicht mehr entspricht oder aus besonderen historischen Veranlassungen herausgewachsen ist, die heute nicht mehr bestehen? Für die letztere Art der Einfügung von Gebeten in den Siddur führt Berliner einige außerordentlich interessante Beispiele an. So verdankt der bereits erwähnte lange Einschub am Mon- 22) Traktat Megilla, Blatt 28a.

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