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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 14 (1909) · p. Seite 330

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
14 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 330 (sequence 18)
Language
German
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330 Ar. MaL Frendrnthat: Gsttrsdirnst und Gebetbuch O O e e tag und Donnerstag seinen Ursprung wahrscheinlich Verfolgungen seitens der Franken und Gothen im 7. Jahrhundert. Die talmudische Abhandlung über das Räucherwerk, die noch immer in jedem Siddur figuriert, wurde gelegentlich der Pest im Jahre \589 ausgenommen! Der Rönigspsalm 2\ hat sich zu Ehren des falschen Messias Sabbatai Zebi eingeschmuggelt! Selbst die unter dem Druck der christlichen Zensur im Mittelalter verstümmelten Gebete haben unterdessen für diesen ihren verderbten Text die Ranonisierung erhalten.^) Und doch zeigt gerade die Beeinflussung des Gebetbuches durch die jeweiligen Zeitverhältnisse wieder den lebendigen Fluß des Gebetes, den auch wir wünschen, die historische Fortentwicklung, die auch wir gesichert und nicht abgeschnitten sehen wollen. Jede Zeit hat das Bedürfnis, in ihren Bitten und Gebeten zum Himmel das zum Ausdruck zu bringen, was sie bewegt, und sie hat auch die Berechtigung dazu; denn gerade für diese Form der Gottesverehrung, die doch nur echt und würdig ist, wenn sie aus dem innersten und eigensten Empfinden des Menschen fließt, kann und darf es keinerlei Schranken geben, die der Seele den Flug zu ihrem Schöpfer und Hort hemmend wehren. Mit souveräner Freiheit haben darum die Gelehrten wie die Gemeinden in Israel stets und ständig daran gearbeitet, den Gottesdienst nach ihren Bedürfnissen auszubauen und so zu gestalten, daß er in das Gefühlsleben der Beter hineinwachsen konnte. Und oft genug hat hierbei die Gemeinde, wie Berliner fast auf jeder Seite seiner Arbeit zeigt, noch viel souveräner als die Gelehrtenwelt geschaltet und gewaltet und ohne, ja sogar gegen deren Einwilligung den Gottesdienst nach ihrem augenblicklichen Erfordernis geändert. Gebetbuch und Gottesdienst haben in der Tat dadurch im Laufe der Jahrhunderte ein völlig verändertes Aussehen erhalten, und es ist nur eine rhetorische Phrase, wenn Berliner emphatisch ausruft:24) „Mit dieser Tefilla durchzogen Israels Söhne alle Länder, wohin sie später geführt wurden, alle Mrte, wo sie eine Ruhestätte oder auch keine gefunden hatten." Mit dieser Tefilla nicht! Vielmehr mit der Tefilla, die sie sich je nach ihren Bedürfnissen und Verhältnissen, ja sogar je nach den Ländern und Grten, in die sie verschlagen wurden, zum verschiedenartigsten ,,Minhag" zusammengestellt haben. Mir sind nicht anders wie unsere Väter, wenn auch w i r uns unsere Gebetbuch nach unserem Bedürfen und Empfinden umgestalten wollen, pietätvoll werden wir dabei den einfachen Rahmen, der einst, wie die Wissenschaft erweist, die Grundlage unseres Gottesdienstes gebildet hat, beibehalten, je einfacher, desto besser, desto harmonischer übereinstimmend mit der Vergangenheit; aber ausfüllen wollen wir diesen Rahmen, wie es immer geschehen ist, mit dem Bedürfen und Empfinden der Gegenwart, und unseren Gelehrten und Gemeinden müssen wir hierin dieselbe souveräne Freiheit einräumen, wie sie allezeit in Israel bestanden hat, und die beim Zusammenschluß Gleichgesinnter auch die Gefahren der Willkür und der Zerfahrenheit vermeiden wird. „Was wir beten und bitten," sagt Berliner,„muß mit den Grundprinzipien der Lehre und der religiösen Pflichten harmonieren." Sehr richtig! Aber gerade darum braucht unser Gebetbuch weder an Umfang zu einem Talmudfolianten, noch an Inhalt zu einem Schulchan-Aruch-Rodex auszuwachsen. Die Grundprinzipien unserer Lehre und unserer religiösen Pflichten sind so schlicht und einfach, daß ein Gebetbuch, welches damit harmonieren soll, ebenso schlicht und ebenso einfach sein kann und sein muß. -4) Das., S. 2 - 2°) Das 23) Randbemerkungen, 'S. 70, 28, 39, H8.

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