Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 327 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. M«X Frrudrnthat: Gottesdienst und Gebetbuch 327 dehnung der Gebete am Kolnidre-Abend!") Das einzig würdige Motiv für die Abkürzung der Gottesdienste, mit dem der Schulchan-Aruch sogar eingeleitet wird: „Besser weniger Gebete mit Andacht als viele ohne Andacht", findet keine praktische Anerkennung und wird wohl heute bei den Gesinnungsgenossen Berliners ebensowenig Anerkennung finden, so sehr er sich auch darauf beruft, um seine Kürzungsvorschläge, z. B. die Teilung des langen Montag- und Donnerstag-Ginschubs auf beide Tage, ihnen annehmbar zu machend) Lin kurzes Tischgebet haben schon Maimonides und andere verfaßt und empfohlen, und Berliner empfiehlt es gleichfalls wieder;13) dabei ist es in den modernsten schönen Siddurausgaben, die von der Orthodoxie veranstaltet werden, nicht einmal zu finden. Ebensowenig hat man von der abgekürzten Schemoneh Esreh-Formel Gebrauch gemacht, die Berliner wieder in Erinnerung bringt. Sie ist freilich nur für den Notfall gedacht; aber über den Umfang dieser Notfälle sind schon die beiden Talmude uneinig, und Elbogen zeigt,daß man auch aus anderen Gründen — der Willkür, der Schönheit, der Abwechslung u. a. — den Mittel-Text des Achtzehngebetes geändert hat. Eine solche kurze Zusammenfassung der Mittelstücke dieses Gebetes im Gottesdienste würde auch unserem heutigen Bedürfnis wieder entsprechen und ist um so berechtigter, als deren jetzige Form sich gleichfalls erst langsam aus den jeweiligen Bedürfnissen heraus entwickelt hat. „Die äußeren Stücke," sagt Llbogen/b) „sind so alt wie die älteste Tradition über die Tefilla, die mittleren waren lange im Fluß, ll) Das., S. 5H. la) Das., S. 70 ff. «) Das., S. 6Z. 14) Studien, 5. HH. ff. ") Das., S.H3. die Zahl erhöhte, der Inhalt erweiterte sich, die letzte abschließende Stufe wurde erst in einer längeren Entwicklung erreicht. Die Folge war, daß, während jene als unabänderlich galten, den mittleren der Anspruch auf eine feste Ordnung und bestimmte Reihenfolge abgesprochen wurde. Ls ist bekannt, daß man im amoräischen Zeitalter auch in diesen eine wohl beabsichtigte Folge nachzuweisen versuchte, aber alle diese Nachweise sind nur auf Rosten der gesunden Logik zu führen. Die einzige Möglichkeit einer vernunftgemäßen Erklärung bietet ein geschichtlicher Einblick in das werden und Wachsen des Gebetes." Dieser geschichtliche Einblick gestattet uns heute ohne weiteres die Schaffung einer kurzen, unseren Gefühlen und Bedürfnissen entsprechenden Mittelformel, sogar in der Landessprache, während wir die alte Umrahmung der äußeren Stücke als charakteristisches Gepräge unseres Gottesdienstes im Urtext beibehalten. Es würde freilich ausreichen, diese letzteren nur einmal dabei zum Vortrag zu bringen. Ihre Wiederholung im Mussafgebet ist nur angeordnet worden, um im zugehörigen Mittelstück die Erinnerung an den Gpferdienst und die Hoffnung auf seine künftige Wiedereinführung zum Ausdruck zu bringe::, Erinnerungen und Hoffnungen, die für unser heutiges religiöses Empfinden wenig besagen. Und zudem — hat nicht der Talmud recht, wenn er die gehäufte und ständige Wiederholung von Gebetsworten nicht als besonderen Lobpreis, sondern im Gegenteil als eine Herabsetzung, ja als eine Belästigung des göttlichen Wesens bezeichnet? Gebetstücke, die so und so oft am Tage hintereinander rezitiert werden, müssen allmählich — und mögen sie noch so schön und weihevoll sein — an innerer Kraft und an tiefer Wirkung verlieren. Mit Recht war darum der älteste Gemeindegottesdienst in Israel ein ganz kurzer, aus nichts anderen: ursprüng-