Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Ar. Mar Frrudenthsl: Gottesdienst und Gebetbuch o o o o VOas uns hier an diesen Studien interessiert, ist die Tatsache, die durch sie von neuem bestätigt wird, daß unser Gottesdienst und unser Gebetbuch eine vielverschlungene und reichverzweigte Entwicklung hinter sich haben, und daß in dieser Entwicklung sich aufs deutlichste die einzelnen Zeiten und Zeitverhältnisse widersxiegeln, die jene durchlaufen mußten. Damit ist schon von vornherein das Recht und die Möglichkeit einer weiteren Entwicklung dieser religiösen Institutionen wissenschaftlich festgestellt. Es würde allen in den beiden Schriften wiederum bekundeten wissenschaftlichen Tatsachen zuwiderlaufen, wollten wir das Gebetbuch, wie es augenblicklich als Schluß einer vielhundertjährigen Aus- und Umgestaltung im Siddur und Machsor vorliegt, Ln den orthodox-schwarzen Einband allzeitiger unverletzlicher Heiligkeit pressen. „Wie alle menschlichen Institutionen," sagt Elbogen/) „so hat auch der Gottesdienst sich allmählich entwickelt; nicht an einem Tage ist er entstanden, noch von einem Manne ausgebildet worden, der religiöse Geist ganzer Jahrhunderte, der religiöse Genius des ganzen Volkes haben an seiner Ausgestaltung mitgewirkt." Die neue Zeit, die vor einen: Jahrhundert mit ihrem religiösen Geist an dieser Ausgestaltung mitwirkte, hat einfach nur den lebendigen Strom, der zu allen Zeiten das Judentum durchflossen, weitergeführt, und wie wenig eine solche lveiterführung, so stürmisch sie auch manchmal sein mochte, dem lvesen unserer religiösen Entwicklung widersprach, hat sich am deutlichsten dadurch erwiesen, daß selbst die Orthodoxie sich diesem vorwärts nicht entziehen konnte. Alles, was heutzutage auch in orthodoxen Genreinden vielfach für Verbesserung des Gottesdienstes und Gebetbuches geschehen ist und noch geschieht, ist nur die Wirkung dieser unaufhaltsam mitreißenden Flut einer ständig und immer wieder einsetzenden und mit der geschichtlichen Vergangenheit in ihrem Wesen durchaus harmonierenden Fortentwicklung. Stehen wir fetzt am Ende der synagogalen Entwicklung? Es gibt kein Ende! So lange das Judentum geschichtlich nachweisbar besteht, hat auch immer ganz naturgemäß in Übereinstimmung mit den wechselnden Bedürfnissen der Zeit und den diesen entsprechenden Gefühls bedürfnissen der Menschen eine Entwicklung auf dem Gebiete des Gottesdienstes und Gebetes stattgefunden, und solange das Judentum weiterhin bestehen wird, wird auch jene weitergehen. Diesem einfachen Gesetz der Natur und der Geschichte will sich die liberale Anschauung nicht entziehen und kann sich die orthodoxe nie und nimmermehr entwinden; sie müssen ihm beide folgen, die eine williger und schneller, die andere widerstrebender und langsamer, in engeren Grenzen vielleicht, aber ebenso sicher und ständig wie jene, wenn sie sich nicht selber gänzlich aus dem Zusammenhang mit der jeweiligen Gegenwart ausschalten will. Berliner meint freilich,2) unsere liberale Entwicklung auf dem Gebiete synagogaler Schöpfungen sei bereits am Ende angelangt und lasse nur noch die eine Frage zur Entscheidung übrig, ob die Orgel von einem Juden oder von einem Lhristen im Gotteshaus gespielt werden solle! Diese Ironie wirkt nicht sehr; denn jene „gewichtige" Frage war schon von Anfang der Reformbewegung an entschieden und bedurfte wahrlich nicht mehr erst der Erörterung in der Berliner Gemeindeverwaltung oder im Berliner Rabbinat. Sie ist sogar nach orthodoxer Anschauung leicht zu erledigen: ist erst einmal die Orgel im Gotteshaus eingeführt, so kann sie gar kein anderer als ein Jude spielen; sehen wir in unseren Synagogen erst einmal einen vollwer- 2) Studien, S. ^3. 2) Randbemerkungen, S. 6.