Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126497--0343-3127118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ar. M«X FrrudrnthaL: Gsttrsdirnst und Gebetbuch 323 da wir zugleich mit ihr die Förderung des Interesses an der jüdischen Wissenschaft auf unser Programm gesetzt haben — von der Erkenntnis ausgehend, daß alle fortschrittlichen Gedanken ihre sachliche Begründung im wissenschaftlichen Nachweis der Berechtigung und Möglichkeit einer Entwicklung überhaupt erhalten müssen —, so dürfen jene beiden Schriften über die Geschichte unseres Gottesdienstes und Gebetbuches x) wohl auch vor diesem Forum hier — und erst recht vor ihm — einer Betrachtung gewürdigt werden. Freilich mag dem Verfasser der einen Schrift unser Forum als nicht erwünscht zur Erörterung seiner Wissenschaft-, lichen Ergebnisse dünken. Denn Professor A. Berliner, der vor kurzem seine „Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuche (Siddur)" veröffentlicht hat, ist einer der Führer der deutschen Orthodoxie und bringt in der Einleitung zu seiner Arbeit seinen orthodoxen Standpunkt mit einer Schärfe zum Ausdruck, die sich im lobpreis der eigenen Anschauung und in der Verurteilung der „Reform" gar nicht genug tun kann, und die zu der vorausgeschickten Devise „wahr und gerecht" in recht merkwürdigem Gegensätze steht. Die Hochachtung, die wir dem Gelehrten Berliner verdientermaßen und uneingeschränkt entgegenbringen, verbietet es selbst an dieser Stelle, mit gleicher Schärfe zu erwidern. Zudem ist es ja psychologisch leicht begreiflich, daß ein orthodoxer Mann, der in seinen wissenschaftlichen Forschungen zu Ergebnissen gelangt, die dem rechtgläubigen Begriff von der unverletzlichen Ranonisierung des Gebetbuches jeden Boden entziehen, alles daran setzen muß, um — mehr noch als vor i) Llbogen, 3v Studien zur Geschichte des jüdischen Gottesdienstes (Schriften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums I, Heft ( u. 2), Berlin (907. — Berliner, A.- Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuchs (Siddur), Berlin (909den Seinigen — vor sich selber sein Gewissen zu salvieren. In wie weit Berliner solches gelungen ist, in wie weit es überhaupt — noch dazu bei der Devise „wahr und gerecht" — möglich ist, das zu untersuchen, ist jetzt nicht unsere Sache, wir werden uns hierorts nicht an die subjektiven religiösen Anschauungen, sondern an die literarischen Tatsachen halten, die Berliner allerdings „wahr und gerecht" vorführt, und mit deren rücksichtsloser Aufdeckung er seinem Ruf als kenntnisreicher und scharfsinniger Gelehrter, wie als objektiver und gewissenhafter Forscher erst recht den Stempel wissenschaftlichen Verdienstes aufgeprägt hat. Im Grundergebnis muß Berliner da Zusammentreffen mit dem Verfasser der anderen Schrift, I. Llbogen, dem bekannten Dozenten an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, einem unserer liberalen Freunde, der aber gerade darum in seiner Arbeit — jenseits jedes parteistandxunkts — den reinen Weg der Wissenschaft wandelt. Llbogen untersucht die Entwicklung des Gottesdienstes.und Gebetes in den allerältesten Zeiten, da beides noch im ersten Fluß befindlich war und erst langsam in bestimmte Formen überging. Berliner wieder verfolgt diese Entwicklung für die spätesten Zeiten, da bereits das Gebetbuch gedruckt vorlag und damit scheinbar eine feste, unabänderliche Form gewonnen hatte. Beiden Gelehrten standen für die zu untersuchenden Epochen wertvolle Handschriften und seltene Druckwerke zur Verfügung; beide haben mit größter wissenschaftlicher Akribie ihre Forschungen durchgeführt, und wenn Llbogen des öfteren nur Hypothesen, Berliner aber überall sichere und begründete Behauptungen aufstellen kann, so liegt die Ursache dieses Gegensatzes natürlich nicht in den Persönlichkeiten der Verfasser, sondern in den Zeiträumen, denen ihre Studien galten.