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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 14 (1909) · p. Seite 321

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
14 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
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o © Otto Münsterbrrg: Eine Fairn - Brtvnchtung 321 bewegen, steht, gegenüber dein starren Festhalten an Vorschriften, die keineswegs dem (Leiste der Religion, sondern zum großen Teile den trivialsten Verrichtungen des täglichen Lebens gelten, vor Rätseln, die aus der Einfachheit der mosaischen Lehre sich nicht erklären lassen. Angeblich kennt das Judentum kein Dogma; in der Wirklichkeit aber begegnet man auf Schritt und Tritt der Engheit einer Auffassung, die dem Dogma verzweifelt ähnlich sieht. Mir scheint das Dogma ursprünglich und in seinem tiefsten Grunde eine Vergeistigung einer an sich einfachen Lehre zu sein. Dieses ursprüngliche Wesen wandelt sich aber zur starren Formel, in dem Maße, wie im Interesse zusammenhaltender Herrschaft aus der Glaubens-Gemeinschaft die „Kirche" herauswächst. Im Judentum ist die ursprüng - liche und einfache Lehre von dem einen und einzigen Gotte die Grundlage für alle Glaubensgenossen geblieben. Sie ist aber so überwuchert von gesetzgeberischen und von formalen Vorschriften, auch für das tägliche Leben, daß orthodoxe und liberale Juden sich kaum noch verstehen. Der moderne Mensch im modernen Staat kann nicht sein tägliches Leben von Vorschriften abhängig machen, die z. T. Jahrtausende alt, unter anderen Verhältnissen, in anderen Ländern entstanden sind und für Hunderttausende aufgehört haben, mehr zu sein, als eine historische Erinnerung. Wo ist die Brücke zwischen jener Zeit und heute? Und weiter: wie kann es sein, daß die liberale Bewegung im Judentum wohl das Recht zur Betätigung sich erkämpft, daß sie aber hinsichtlich der Befriedigung liberaler kirchlicher Bedürfnisse im Grunde so blutwenig erreicht hat und wie es scheint, auch erreichen wird. Man wird Herrn Prof. Dr. Simon-Stern- Saaz zustimmen können, wenn er in diesem Blatte in seinem Aufsatze „Ueber die Möglichkeit und den Umfang einer loyalen Reform" am Schlüsse sagt: „Die Religion ist in unserer Zeit nicht die allein entscheidende Macht, der sich alle anderen Lebensmächte bedingungslos unterordnen müssen, immer aber war sie und bleibe sie die Quelle der Kraft eines Volkes und diese Quelle darf nicht verschüttet werden." Welches aber ist diese Quelle? Wenn wertvolle Quellen erschlossen werden, räumt man über ihnen alles Gestein fort, bis man auf die Stelle trifft, wo die Quelle im Felsen in natürlicher Reinheit zu Tage tritt. So muß auch jede Reform auf die Quelle zurückgehen, um sie in ihrer Reinheit zu erhalten oder wieder herzustellen. Das ist auch der Sinn der gleichen Bewegung im Christentum, die z. B. in Harnacks Buch verkörpert ist. Fragt der Suchende nach den Reformen, die für das Judentum erstrebt werden, so begegnet er fast durchweg verschlossenen Türen. Vergeblich sucht er Belehrung. Tritt aber einmal positives zu Tage, wie z. B. die Vorschläge des Rabbiners Dr. Norden- Elberfeld in diesem Blatte, der dem Sabbat größere Bedeutung beilegen und dadurch auch die Jugend dem Gottesdienste zurückgewinnen will, so begegnet es mehr oder weniger verhüllter Ablehnung. Es soll zwar reformiert werden, aber die Reform soll niemanden in seinen Empfindungen stören. Vielleicht habe ich deshalb vergeblich nach einem klar umrissenen, umfassenden plane der Reform gesucht. Der Laie steht den Dingen meist zu fern, um Vorschläge machen zu dürfen. Er muß sie von denen erwarten, die den Gegenstand in allen seinen Teilen beherrschen. Aber hinsichtlich der Grundlinien einer möglichen Reform mag auch ein Laie sich Anschauungen bilden können und dürfen.

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