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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 14 (1909) · p. Seite 320

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
14 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 Otto Münsterberg: Eine Laien-Betrachtung o o o o 6 ne Taien-Betrachtung. Von Otto JTlünfterberg-Danzig. 'VVJan wirft unserer Zeit vor, sie sei mated rialistisch, die alten werte gelten nicht mehr, die Religion habe ihre Bedeutung verloren. Das mag zum Teil wahr sein. Sicherlich aber hat die Entwickelung der Naturwissenschaften den Menschen zu schärferer Beobachtung der Natur und des Lebens in ihr geführt und ihn vielleicht von dem Wahne geheilt, er sei der Mittelpunkt und Endzweck der Welt. Jede neue Erkenntnis bringt aber zugleich um so deutlicher die Bedeutung von Dubois-Reymonds Wort zur Geltung: IZnorabinuis. Der Fortschritt liegt höchstens darin, daß wir die Rätsel immer klarer vor uns auftauchen sehen, ohne die Hoffnung zu haben, daß auch die größten Geister der Menschheit uns zur Lösung des einfachsten Neuschaffens führen können, werden wir uns dieser Ohnmacht des Menschen immer mehr bewußt, so führt die scheinbar nüchterne materialistische Auffassung zu dem Gefühl tiefster Bewunderung, Ehrfurcht und Demut vor dem Unverständlichen und Unerforschlichen, das uns in uns selbst, in unserer Umgebung unausgesetzt umgibt, wie wir es nennen, ist gleichgültig, „Name ist Schall und Rauch", wichtig ist nur, daß dieses Gefühl von neuem Millionen bewegt und daß es alle die hunderttausende erfüllt, die auch heute noch nicht geneigt sind, sich in ein bestimmtes Religionssystem aus historischen Gründen einzwängen zu lassen. Ich halte es für ein bedeutsames, erfreuliches Zeichen unserer Zeit, daß religiöses Empfinden, daß das Interesse an religiösen Problemen überhaupt und an den Problemen der Entwickelung der Religionssysteme immer stärker zu Tage tritt. Millionen ernster Menschen nehmen an ihnen teil in erster Linie, weil sie nach jener Erkenntnis des Göttlichen suchen, die dem Strenggläubigen der Glaube an die ihm überkommene Lehre ohne Kampf ersetzt.' Die große Masse der Suchenden kann sich eingehender mit allen diesen Fragen erst beschäftigen, seitdem die Vertreter der Wissenschaft gelernt haben, die Ergebnisse auch der theologischen Forschung gemeinverständlich darzustellen, heute kann ein jeder aus dieser reich fließenden Duelle schöpfen und im stillen Kämmerlein nachdenklich und in Ehrfurcht sich diesen Fragen und den Worten der größten Geister der Menschheit nahen, ohne auf Schritt und Tritt durch „angewandte Theologie" lehrsamer Geistlicher aus seiner Stimmung herausgerissen zu werden. Man braucht dabei nur an Schieles „religionsgeschichtliche Volksbücher" und an harnacks „Wesen des Christentums" zu erinnern. Es wird wahrscheinlich an meiner geringen Kenntnis der Literatur liegen, daß ich ein ähnlich tief wirkendes Buch über das Wesen des Judentums nicht kennen gelernt habe. Der arbeitende Mensch hat nur selten so viel Zeit und Hingebung, um vielbändige Werke wie Grätz, Zunz u. a. m. zu studieren, was ich auf den Rat von Sachkennern gelesen habe, hat mir wohl Belehrung im Einzelnen geben können, das tiefere Bedürfnis nach Erkenntnis ist nicht befriedigt worden. Die Bewegung des liberalen Judentums, der diese Zeitschrift dient, erweckt immer wieder die Frage, wie lassen sich Vergangenheit und Gegenwart im Judentum vereinen, und, wo wurzeln die Gegensätze, die den liberalen Juden unleugbar, und vielleicht unüberbrückbar, von dem Strenggläubigen trennen. wer nicht mit jenen Gefühlen ehrfürchtigen Empfindens erfüllt ist, die so manchen freigeistigen Juden in der Erinnerung an eine Kinderzeit im altfrommen Llternhause

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