Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 14 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. wrd. Wrrlthrr Fsqurur: Mas bedeutet dus tidrrutr Iudrntuur 319 möglichste Erfüllung dieser Aufgabe das unumgängliche notwendige Korrelat für die Inangriffnahme der zweiten Aufgabe, die Reformierung der äußeren Hülle des Judentums. Es ist den Orthodoxen ohne weiteres zuzugeben, daß die das ganze Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit regelnden Bestimmungen ein gewaltiges Bindemittel darstellen, eine nicht zu unterschätzende einigende Kraft besitzen, — freilich nur — so lange sie eben befolgt werden. Nimmt nun der Liberalismus an diesen äußern Stützen Aenderungen vor, schafft er sie zum Teil oder gänzlich ab, so erwächst ihm die doppelte Verpflichtung, innere Stützen an ihre Stelle zu setzen. Sollen sich die Juden nicht mehr so sehr durch ihre eigentümlichen äußern Formen und Gebräuche, durch die Besonderheit der Sprache, die Beobachtung spezieller Speisegebote u. dgl. von Andersgläubigen unterscheiden, so muß um so mehr dafür gesorgt werden, daß ein jeder Jude in seinem Innern sich klar und deutlich bewußt ist, worin das ihn zum Juden Stempelnde, das ihn von den Angehörigen aller andern Konfessionen unüberbrückbar Trennende im letzten Grunde besteht. Zvir sehen also, daß die beiden Hauptaufgaben des Liberalismus miteinander engverknüxft, innig verwoben sind, und daß es daher durchaus falsch und verderblich wäre, — wie es leider oft geschieht — die zweite Aufgabe, die äußere Reformierung, allein anzuerkennen oder ihr auch nur den Vorrang vor der andern, dem innern Ausbau und Aufbau, einzuräumen. Täten wir solches, so rissen wir Altes ein, ohne Neues an seiner Statt zu schaffen, wir nähmen den Juden das sie als solche kennzeichnende und einende äußere Band, ohne ihnen dafür ein um so schärferes inneres Gepräge, einen um so festeren inneren Halt zu geben. Nicht minder falsch aber wäre das umgekehrte Beginnen: das N)efen des Judentums zu verinnerlichen, den Schwerpunkt des Iudeseins von außen nach innen zu verlegen und an den äußeren Formen doch mehr oder weniger alles beim al - tenzulassen. Rechtfertigt das erstere Verfahren den so häufig von der Orthodoxie gegen uns erhobenen Vorwurf: unsere Arbeit sei nur eine negative, zerstörende, auflösende, so wäre das Beschreiten des zweiten IVeges eine Bestätigung der auch oft genug gehörten Behauptung: Der Liberalismus erschöpfe sich in schönen Reden und Schriften, für das praktische Leben aber geschähe nichts; der einem modernen Menschen unerträgliche Zwang veralteter Normen und Formen würde vielleicht ein klein wenig gemildert, bliebe aber trotz alledem in Kraft. Das Richtige ist, wie wohl überall im Leben, so auch hier, die goldene Rlittelstraße. Solange die liberale Bewegung das Grundprinzip nicht aus den Augen verliert, für jede beseitigte äußere Stütze eine um so kräftigere innere — es gibt deren wahrlich genug — aufzurichten, so lange sie bei Einführung äußerer Reformen sich bewußt bleibt, daß alles Gewordene historisch bedingt ist, so lange sie den Gang allmählicher, stetiger Evolution und nicht den gewaltsamer, unvermittelter Revolution schreitet, so lange darf sie sicher sein, auf dem richtigen!Vege zu wandeln. (Schluß folgt.)